Agentur Provocateur – EASYDOESIT

Die Ansage war eindeutig: Es sollte Blut regnen, viel Blut. Es sollte eine wilde Feier werden, laute Musik, durchdrehende Typen, hübsche Mädchen, greller Krawall, irre Explosionen und dazwischen die krassesten Skateboarder der Welt. So in etwa hatte der Regisseur Felix Urbauer der Plattenfirma sein Konzept für das Musikvideo der jungen Metall-Band Callejon verkauft – und nicht den geringsten Schimmer, woher das -alles kommen sollte. Fünf Tage vor Drehbeginn. Aber er wusste, wer ihn noch retten könnte.

„Als Felix in unser Büro kam und davon erzählte, war es Freitag, 22 Uhr“, sagt Sebastian von Gumpert und lacht. „Wir hatten Easydoesit gerade erst gegründet. Der Dreh war für den darauffolgenden Mittwoch angesetzt – und dazwischen lag auch noch der 1. Mai, an dem in Kreuzberg Ausnahmezustand herrscht. Am nächsten Morgen standen Maxim und ich also im Baumarkt und haben Rasensprenger ausprobiert, um zu schauen, ob man es so Blut regnen lassen könnte.“

5 000 Liter Kunstblut

Vier Tage später hatten von Gumpert und sein Kumpel Maxim Rosenbauer, der früher mal als Pro auf dem Brett stand, über alte Skateboarding-Kontakte und über eine Freundin, die aus ihrer Pfadfindergruppe jemanden kannte, der sein Faible für Feuerwerk und Böller zum Beruf gemacht hatte, alles zusammen: Hollywood-erfahrener Pyrotechniker für die Explosionen? Check. Profi-Equipment, durch das sich Kunstblut pumpen lässt, dazu 5 000 Liter von dem Zeug? Check. Einige der besten Skater Europas? Check.

„Danach“, sagt von Gumpert, „hat uns Felix Urbauer ewige Treue geschworen.“ Bald folgte der Auftrag, gemeinsam mit Urbauer das Video für „Lila Wolken“, den Sommerhit 2012 von Marteria, Yasha und Miss Platnum, zu drehen. „Das war der Startschuss“, sagt von Gumpert. „Wir konnten zeigen, dass Easydoesit auch große Produktionen kann.“

Das ist, bei aller Bescheidenheit, maßlos untertrieben: Wer in Deutschland derzeit ein Video – sei’s Werbung oder Musikclip – will, das das Lebensgefühl dieser Zeit auf den Punkt bringt, ein Video, das knallt, das Ansagen macht und deshalb neidisch, das darum im Netz herumgereicht wird, der muss zu ihnen: Easydoesit. Sie sind, wenn man so will, ein Dienstleister gewordener Jungstraum zwischen Kreuzberger Slackertum und Werbe-Blingbling.

Neben den Filmdrehs starteten Easydoesit, die ihren Namen von einem Track der Westcoast-Rap-Legende Eazy-E aus dem Jahr 1988 geborgt haben, ihre eigene Party-reihe, ganz einfach: weil es geht. „Bei der ersten Party standen über 500 Leute vor der Tür, die wir wegschicken mussten“, sagt Gregor Möllers. „Das war schon ganz geil.“ Später kutschierten Easydoesit die Berliner Nachtleben-Legende Rolf Eden in einer Limousine vom Ku’damm an, um ihm zu Ehren einen Abend nur mit weiblichen DJs zu bestreiten. Dann überzeugten Easydoesit Kool Savas, bei ihrer Party das erste Mal seit 15 Jahren mit seiner alten Crew M.O.R. und deren Frühwerk aufzutreten. „Als Savas meinte, wir sollten mal eine Wunschliste schreiben, was er spielen soll, saßen wir echt ungläubig in unserem Büro. Das war schon irre“, sagt von Gumpert.

So cool all das aussieht, ist es doch unmöglich, die Firma hinter der Clique zu erklären, ohne nach TKKG zu klingen, aber sei’s drum:

Sebastian von Gumpert, 27, Zuständigkeit: Produktion, Organisation und Kopf der Truppe. Maxim Rosenbauer, Regie, Fotos, Skater, Partymonster. Gregor Möllers, 32, Schnitt, Kamera, Merchandise. Dimitri Hempel, 31, Kamera und Buchhaltung. Dazu kommen die Regisseure Chehad Abdallah und Felix Urbauer, außerdem der Spezialist für Pyrotechnik, ein Reptilienzüchter mit 6 000 Tieren in Brandenburg und ein verzweigtes Netzwerk an Leuten, die man eben braucht, wenn mal wieder zu viel versprochen wurde oder schnell eine Partymeute herbeigeschafft werden muss.

Pippi Langstrumpf im Ghetto

Nach den Videos für Callejon und Marteria verpassten Easydoesit „Prayer in C“ im Robin-Schulz-Remix von Lilly Wood ein Video, das jede deutsche Coming-of-Age-Komödie spießig aussehen ließ. Dokumentierten die Arbeit des Schmusepoppers Tim Bendzko für dessen DVD. Und schufen für die Krawall-Rapper von K.I.Z. eine albtraumhafte Sozialghettoversion von Pippi Langstrumpf, die in einer Mad-Max-artigen Schlacht mit Essen und Böllern endete. Für das aktuelle Album von Haftbefehl, der vielen als bester Rapper Deutschlands gilt, inszenierten Easydoesit für das Intro „Ihr Hurensöhne“ ein kurzes Musikvideo, das bedrohlicher und verstörender wirkt als jeder „Tatort“, und für seine erste Singleauskopplung „Saudi Arabi Money Rich“ ein wahnwitziges Labyrinth an schrillen Referenzen und überrissenen Bildern, samt Louis-Vuitton-Burka, Alligator an der Leine und ultraorthodoxen Juden, die mit Schampusflaschen in einem Chevy wild über ein Rollfeld schlittern. Ein Video wie ein Jörg-Immendorff-Bild.

Mehr noch als das etwas kitschige, aber auch sehr schöne Video zu „Lila Wolken“, in dem junge Menschen in ein Freibad einbrechen und Schnapsflaschen in einem Spätkauf mitgehen lassen und vor allen Dingen sehr viel hüpfen, lachen und knutschen, hat das Video zum Remix desselben Liedes den Mythos von Easydoesit geprägt: Die Moderatorin Palina Rojinski, die den irren Spagat schafft, gleichzeitig Role Model für selbstbewusste junge Mädchen und feuchter Traum für ältere Männer zu sein, spaziert da in Hotpants durch eine Art WG-Party mit Jägermeister, Konfetti und Poker. Eine wunderbare Aneinanderreihung von Klischees, ein astreines Werbevideo für Jugend und Unvernunft.

Der Erfolg von Easydoesit, so lässig er auch aussieht, ist kein Zufall und auch nicht alleine dem Glück geschuldet, in Kreuzberg beheimatet zu sein. Felix Urbauer, der Regisseur des Callejon-Videos, war schon vor Easydoesit ein Name in der Szene und hat unter anderem die Videos für Casper gedreht. Rosenbauer hat seine ersten, noch deutlich amateurhaften Musikvideos für den Berliner Rapper Mach One bereits 2008 gefilmt, Möllers war Redaktionspraktikant beim Branchendienst „rap.de“, während von Gumpert als Praktikant beim inzwischen eingestellten, aber immer noch legendären Berliner Hip-Hop-Label Royal Bunker angefangen hat.

Eine der ersten Produktionen, in der der Name Easydoesit auftauchte, war 2012 eine Dokumentation zum zehnjährigen Jubiläum des legendären Kreuzberger Houseclubs Watergate, für die Rosenbauer und Hempel gemeinsam hinter der Kamera standen. Wenn man sich die Szenen zwischen den vielen Interviews der Dokumentation anschaut, entdeckt man im Grunde das halbe Set der Stilmittel, das Easydoesit in den vergangenen Jahren zu ihrem Konzept gemacht haben: warme Farben, Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge, gerne im Zeitraffer, und immer, immer wieder die gelben Wagen der U 1, wie sie auf der Hochbahntrasse vom Schlesischen Tor bis zum Kottbusser Tor durch das Viertel rumpelt.

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Um zu verstehen, warum Easydoesit ein so feines Gespür für das exakt richtige Maß an Mythos und Klischee entwickelt haben, muss man etwas zurückgehen, noch vor die Zeit, bevor es Easydoesit gab, genauer gesagt: fünf Jahre zurück. Damals schnitt Maxim Rosenbauer für den Prinz-Pi-Track „Drei Minuten“ eine Art Best-of aus seinen privaten Videoaufnahmen, ein wildes Potpourri aus kotzenden jungen Männern, miteinander knutschenden Mädchen und überhaupt rotzbesoffenen jungen Berlinern, die ihre überschüssige Energie in pubertären Unfug und das Brechen von Hausordnungen stecken. Ein optisches Vokabular, das zu 50 Prozent vor der Haustüre und zu 50 Prozent vor dem Fernseher gelernt wurde: Jägermeisterpyramiden, Ladendiebstahl und Autos als improvisierte Skateparks. Schwänze und Brüste, miteinander knutschende Frauen. MTV-Hochglanz einerseits, Skatevideo-Wahnsinn andererseits – sie selbst nennen es „Partyabriss“.

Dass daraus eine Blaupause zum Geldverdienen wurde, liegt daran, dass Easydoesit zwei Lektionen verinnerlicht haben. Die erste ist so simpel wie einleuchtend: Professionalität kann man lernen. Authentizität nicht.

Die andere, schon deutlich schwieriger durchzuhalten: bitte nicht zu professionell werden.

Der Witz an der Crew ist ja gerade, dass sie eben nicht wochenlang Konzepte schreiben, die zig Meetings überstehen, am Ende keine Ecken und Kanten mehr haben und keinen mehr stören – aber eben auch niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Der Witz ist, dass Easydoesit im Grunde immer noch machen, was sie schon immer gemacht haben: skaten, abhängen, absurde Ideen raushauen. Nur jetzt eben professionell und im Auftrag von Plattenfirmen, Turnschuhmarken und Brauseherstellern.

Und die müssen sich eben darauf einstellen, dass es passieren kann, dass sich Easydoesit erst einmal drei Wochen lang ohne Ergebnisse hinsetzen, Wein trinken, sich den Wanst vollschlagen und japanische Gangsterfilme gucken. Ohne Zwischenergebnisse zu vermelden. Doch selbst wenn mancher Auftraggeber eventuell nervös werden könnte, weil auch eine Woche vor dem Dreh noch nicht alle Details geklärt sind, kommt bei den Jungs keine Nervosität auf. „Wir machen, was alle Topkreativen immer predigen“, sagt Chehad Abdallah, der Regisseur der Haftbefehl-Videos: „Nämlich dass man locker bleibt. Es gibt hier keine Abstimmungen, bis zu denen man irgendwas Vorzeigbares haben muss. Es gibt keine Angstkultur.“

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Ein Club – oder Spielfilme

Diese hungrige Anarchie anstelle von kühler Professionalität hat praktische Auswirkungen, auch auf die Budgets: Statt Schienen aufzubauen und eine schwere Steadycam durch das Set zu schieben, kommen Easydoesit quasi nie ohne Skateboard zum Dreh. Für ein Video mit Kool Savas und Xavier Naidoo filmten Easydoesit in einem Berliner U-Bahnhof mit einer ferngesteuerten Drohne – ohne dafür irgendeine Art von Erlaubnis eingeholt zu haben. „Die Typen von der BVG hatten das noch nie gesehen, dass jemand mit einer Drohne im U-Bahnhof filmt“, feixt Felix Urbauer im Making-of des Videos. „Wir haben die auch direkt steigen lassen, ohne jemanden zu fragen.“ Bevor die BVG-Büttel mit der Hausordnung wedeln konnten, waren die Aufnahmen im Kasten.

Der wahnwitzige Charme hat, wenig überraschend, für Aufsehen gesorgt. Längst wollen nicht mehr nur Musiker, Labels und Plattenfirmen ihre Produkte gut aussehen lassen, sondern alle, die sich an die Jugend ranzecken müssen. Letztes Jahr standen O2 und Adidas, Nike und Converse, Philips und Rasenball Leipzig auf der Liste der Auftraggeber. Aber das ist, natürlich, noch immer nur der Anfang. Und ob das ganze Ding durch die Decke geht, das kann eh niemand sagen. Aber darum geht es auch nicht. „Wenn wir Bock haben und es sich ergibt, kann es auch sein, dass wir in einem halben Jahr einen Club eröffnen“, sagt Sebastian von Gumpert. „Oder wir fangen an, Spielfilme zu drehen. Wer weiß.“

Es müssen ja nicht immer 5 000 Liter Kunstblut sein.

Herzblut aber, das schon.

Text: Daniel Erk
Fotos: Marcin Kalinski


Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.

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