Warten auf die Welle: Lissabon – die nächste Startup-Schmiede

Die Tram 28 rumpelt behäbig den Berg hoch, in einer kleinen Bar bestellen Bauarbeiter Tosta Mista und Espresso, Touristen schieben sich über die mosaikbesetzten Gehwege der engen Altstadt. Es ist Winter, aber warm, die Sonne scheint, Lissabon, eine Stadt wie eine Postkarte.

Keine zwei Kilometer nördlich, an der Avenida da Liberdade, stürmt Felix Petersen in ein sehr schmuckloses Büro im obersten Stockwerk eines überhaupt furchtbar schmucklosen Bürogebäudes aus den 70er-Jahren. Teppichboden, tiefe Decken, leere, weiße Räume – weiß im Sinne von leer, nicht im Sinne von stylisch. Petersen trägt Jeans, Jeanshemd und Schnurrbart. In Berlin war der 39-Jährige so etwas wie das Zirkuspferd der Startup-Szene, hatte mit Plazes als Erster überhaupt ein Tool erfunden, mit dem man sich an bestimmten Orten einloggen konnte. 2011 gründete Petersen Amen mit, eine Bewertungsplattform, die dank Promi-Investor Ashton Kutcher einen kurzen Hype erlebte, ehe sie in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Petersen, Urbild des Berliner Hipster-Gründers, zog sich in die zweite Reihe zurück. Und nun also diese hübsche, warme Puppenstubenstadt.

Lissabon, knapp 550 000 Einwohner, Hauptstadt Portugals und beliebtes Reiseziel, klar. Aber Startup-Standort? Zu klein, zu weit weg, zu piefig und bei aller Schönheit ehrlich gesagt auch ein bisschen zu uncool, hieß es lange. Spätestens seit vergangenem September jedoch dürfte klar sein, dass sich am westlichen Rand Europas in Sachen Startups was bewegt: Die europäische Startup-Großkonferenz Web Summit verkündete, 2016 nach Lissabon überzusiedeln.
Petersen ist bereits ein gutes Jahr hier. Erst kam er aus privaten Gründen, für ein Sabbatical, wollte Portugiesisch lernen. Im Februar 2015 ist er schließlich mit seiner Familie umgezogen. „Ich habe als Angel-Investor immer eine Entschuldigung gesucht, etwas in Portugal zu tun zu haben. Aber bis vor drei, vier Jahren gab es einfach gar nichts“ sagt er. Dann öffnet er die Tür zur Feuerleiter an der Rückseite der Büroetage, steigt in schnellen Schritten auf das Flachdach des Gebäudes. Blick über die Avenida da Liberdade. Blick über Stadt und Tejo.

Schneller als Berlin

Der Deutsche ist Partner bei Faber Ventures, einem VC-Unternehmen, das vor allem techlastige, in kleinen Teams arbeitende Startups im Portfolio hat – etwa das Social-Media-Analysetool Get Social, die Mensch-Maschine-Übersetzungssoftware Unbabel oder den Customer-Feedback-Aggregator Nom Nom.
Auf dem Dach erklärt Petersen in groben Linien die Geschichte des Landes, die tausendjährige Allianz mit England, die Relevanz der Ex-Kolonien für die Wirtschaft, die Rolle des Bailefunk in den Clubs der Angolaner, die Rolle der Traditionsverbundenheit der Portugiesen für die Wirtschaft – und die der Euro- und Wirtschaftskrise für die Startupszene. „Die nächsten zehn, 20 Jahre“, sagt Petersen, „werden für das Land große Umbrüche bringen, vielleicht mehr als in den letzten 100 Jahren.“ Was ihn an der Startupszene von Lissabon an meisten beeindruckt? Petersen blinzelt in die Sonne. „Das Tempo. Was in Berlin Jahre gedauert hat, dauert hier Monate.“

Wo allein der Begriff „Startup“ vor drei Jahren noch fragende Blicke verursachte, gibt es heute davon über 300. Sie sorgen für fast 1 000 Arbeitsplätze – deshalb fördert der Staat sie schließlich – und ein Geschäftsvolumen von über 20 Mio. Euro pro Jahr. Dazu noch zwölf Inkubatoren. Und die Zahlen sind nur eine Momentaufnahme. Viel verblüffender ist: Lissabon hat all das nicht mit heißer Luft und Hype erreicht. Sondern mit Substanz.

Vierter Stock eines alten Handelskontors an der Rua da Prata, keine 500 Meter von der über Lissabon thronenden Burg Castelo de São Jorge entfernt, doch fern jeder Touristenromantik. Ein Hund liegt in der Ecke des verwinkelten Maisonette-Büros, an Tischchen drängeln sich Programmierer, konzentrierte Stille, und João Caxaria hat es eilig.
Er ist Gründer und CTO von Codacy, einem der heißesten Startups Portugals. Caxaria und sein Team haben kürzlich 1 Mio. Euro Kapital in einer Post-Seed-Finanzierungsrunde erhalten und bereiten sich auf die erste echte Finanzierungsrunde im Frühjahr vor. Es läuft gut. Caxaria muss keinen Wind um seine Firma machen, der Wind kommt von alleine.
Codacy ist so etwas wie eine Rechtschreibprüfung für Code. Seit März 2013 arbeiten Caxaria und seine knapp 20 Mitarbeiter daran, die Optimierung von komplexem Code zu beschleunigen. Für gewöhnlich gehen 50 Prozent der Arbeitszeit von Programmierern für die Prüfung ihrer Arbeit drauf, erklärt Caxaria. Codacy braucht dagegen für die Analyse neuer Code-Bausteine knapp zwei Minuten. Für die Durchsicht eines kompletten Codes je nach Umfang rund 30 Minuten.
Über 12 000 Entwickler und über 110 Unternehmen arbeiten mittlerweile mit Codacy. Egal ob Java, Javascript, PHP, Ruby oder Python: Codacy findet Bugs und Sicherheitslücken in allen gängigen Programmiersprachen. Die Kunden kommen aus aller Welt. „Code ist eine internationale Sprache“, sagt Caxaria. „Am Ende ist der Markt immer international. Und Portugal ist klein.“ 


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