Bewerbungsgespräch mit Lukas Strobel alias Alligatoah

Ihr aktuelles Album heißt „Musik ist keine Lösung“ – Wie gehen Sie mit Problemen um?

Ich finde für Probleme schönere Worte. Das ist der erste Schritt. Mit der Sprache fängt es an und wenn man die Sprache verschönert und schmückt, kann man auch die Realität verschönern. Ich finde erst mal eine gute Formulierung, die das Ganze nüchtern betrachtet, die den Sachverhalt herunter kühlt, bevor die Gemüter sich erhitzen. Das ermöglicht mir einen besseren Überblick über die Situation zu erlangen. Ein weiterer Mechanismus sind kleine Zeitreisen in meinem Kopf. Ich springe mit meinen Gedanken in verschiedene Punkte meiner eigenen Vergangenheit und vergleiche die jetzige Situation mit vergangenen Situationen und merke, dass das Problem gar nicht so unlösbar ist.

Ein Album ist mit deutlich mehr Arbeit verbunden, als sich der Hörer vielleicht vorzustellen vermag. Wie diszipliniert sind Sie?

Wenn man meine Arbeit rückwirkend betrachtet, könnte man denken, ich sei sehr diszipliniert. Da denke auch ich rückwirkend: Man, war ich diszipliniert. Aber wenn ich in dieser Phase selbst stecke, habe ich das Gefühl absolut undiszipliniert zu sein. Ich merke das, wenn ich mich dabei erwische, dass ich mehrere Tage am Stück nur Videos gucke und nicht an dem arbeite, an dem ich arbeiten sollte. Dann mache ich mir selbst Vorwürfe, weil ich einen weiteren Tag verbracht habe, ohne etwas zu schaffen. Aber vielleicht schaffe ich es gerade durch diesen Kontrollmechanismus, der mir sagt, dass ich undiszipliniert bin, doch im Großen und Ganzen diszipliniert zu sein.

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Wie arbeiten Sie?

Ich teile meine „Arbeit“ in zwei Aspekte: Das Eine ist Arbeit und das Andere ist unbeschreiblich. Das ist der Teil, in dem die Ideen kommen, in dem das Kreative passiert. Das ist das, was man nicht erzwingen kann, was man nicht berechnen kann. Der Teil danach ist wirkliche Arbeit, die Idee auszuarbeiten. Das ist anstrengend, kostet Nerven, Energie und Überwindung, das ist das Handwerkszeug. Aber das Eine funktioniert nicht ohne das Andere. Denn nur eine fixe Idee haben, ist noch kein Lied. Und eine Zeile zu haben, ist noch kein fertiger Text. Aber genau so habe ich, wenn ich mich hinsetze und verkrampft einen Text schreibe, noch keine Idee. Das hat noch nichts Fruchtbares, noch nichts Schönes. So kann man es beschreiben, wenn man das, was ich mache, als Arbeit sehen will.

Sehen Sie selber es als Arbeit?

Ich würde es davon abhängig machen, wer mich fragt. Wenn arbeitende Leute mit einem nine-to-five-Job zu mir kommen, dann werde ich ihnen natürlich von meiner Arbeit erzählen, weil man so etwas Gemeinsames hat. Aber wenn mich jemand fragt, der genau wissen will, was ich da mache, dann werde ich erzählen, was ich Ihnen erzählt habe: dass es die schönste Beschäftigungszusammenkunft ist, die ich mir vorstellen kannst.

Haben Sie einen festen Arbeitsplatz?

Man darf nicht den Fehler machen und glauben, dass es an einem Ort, an dem es einmal geklappt hat, wieder klappen wird. Denn die Kreativität wird dann kommen, wenn man nicht damit rechnet. Sie wird an Orten und Plätzen kommen, wo man sie nicht erwartet. Und deswegen ist es für mich sehr wichtig, meinen Arbeitsplatz immer wieder zu wechseln. Generell sind mir dafür Orte in der Natur besonders lieb; Felder, Wälder, da wo der Trubel der Stadt und die geraden geometrischen Mauern nicht immer in meiner Peripherie sind.

Was glauben Sie, könnten andere Menschen von Ihnen lernen?

Wenn es etwas gibt, was ich Leuten beibringen möchte, oder wofür ich ihnen Verständnis antrainieren möchte, ist es das, was ich auch in meiner Musik versuche: Das Wechseln von Blickwinkeln. Das kann der Schlüssel zu mehr Empathie sein, die man braucht um sich in Konfliktsituationen in seinen Gegenüber hineinzuversetzen, um Verständnis für die gesamte Situation zu haben und Schlimmeres zu verhindern.

Letzte und klassischste Bewerbungsgesprächfrage: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich bin jemand, der nicht viel in die Zukunft denkt. Ich konzentriere mich eher auf das Jetzt. Das war das Album, jetzt kommt die Tour und das Leben passiert so nebenbei. Aber wenn ich mir etwas wünschen darf, ist es, dass ich zufrieden in die Vergangenheit schaue. Und wenn ich mir nichts anderes wünsche, als in zehn Jahren zufrieden in die Vergangenheit zu schauen, dann liegt es ja wieder nur an der Gegenwart und an dem, was ich aus dem Jetzt mache. Und nur das ist dafür verantwortlich, wie es mir in zehn Jahren geht.

Alligatoah hat Ende November 2015 sein Album „Musik ist keine Läsung“ veröffentlicht und ist damit noch ein paar Tage auf Tour. Termine und alle anderen Wichtigkeiten findet ihr hier.


Julia Kopatzki

Julia hielt ein Germanistikstudium für eine gute Idee – großer Fehler. Publizistik hingegen ist super und so findet man sie jetzt bei Business Punk. Kann dir alles über deutsche Popliteratur und Kaffee erzählen, obwohl sie selber keinen trinkt. Trägt immer nur schwarz, dafür ist es im Kopf umso bunter.

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