Wie Beyond Meat zum Milliarden-Biz wurde und was bald noch auf den Teller kommt

So verschieden die Welten sind, aus denen PHW und Beyond Meat kommen, sie sind perfekte Partner, denn die kalifornischen Burger sind Convenience-Produkte – also komplex und maximal kosteneffizient verarbeitet, aber einfach zuzubereiten. Ein Bereich, in dem PHW unbestreitbare Kompetenzen hat und die Infrastruktur, die es braucht, um solche Produkte „in einem größeren Skalierungsmaßstab in den Markt zu bringen“, sagt Keitzer. Zudem seien die Kunden von Beyond Meat in den USA, anders als man vermuten würde, eben keine brennenden Veganer, sondern reichlich flexibel in ihrem Einkaufsverhalten. Aber nicht nur die Kunden passen zueinander. Auch die Maschinen.

Vor einigen Wochen, erzählt Keitzer, war das Führungsteam von Beyond Meat am PHW-Stammsitz im niedersächsischen Dorf Rechterfeld. Gemeinsam habe man sich angeschaut, wie bei PHW etwa Chicken-Nuggets herstellt werden. „Da geht am Anfang eine Hähnchen-Rohmasse rein, dann findet ein Verarbeitungsprozess statt, und am Ende kommt das Nugget raus. Da haben wir uns alle angeschaut und gesagt: Konzeptionell ist es doch vollkommen gleich, was vorne reingeht – das kann doch auch Erbsenproteinmasse sein! Oder zukünftig Fleisch aus Zellkulturen!“ Und überhaupt kämen die Innovationen einem Branchenriesen wie der PHW sehr entgegen, sagt Keitzer: „Weil uns die Entwicklung ermöglicht, einen noch breiteren Markt anzusprechen.“ Und das wird entscheidend sein.

Der Massenmarkt

Der deutsche Markt- und Meinungsforschungsanbieter Statista prognostiziert einen Anstieg des Marktvolumens für pflanzenbasiertes Fleisch bis 2023 auf 6,4 Mrd. Dollar; das allein wäre ein Zuwachs von satten 40 Prozent. Schon 2040, glauben Experten, könnten 60 Prozent alles verkauften Fleisches in der ein oder anderen Form aus der Retorte stammen. Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf knapp zehn Milliarden Menschen angestiegen sein, gleichzeitig sinkt der Preis von in der Petrischale gezüchteten, echten Fleischzellen rapide.

Als ein US-Startup 2013 seinen allerersten In-vitro-Burgerpatty präsentierte, lag der Stückpreis noch bei sagenhaften 300 000 Dollar. Mittlerweile kostet das Stück nur noch 1 000 Dollar. Sobald die Technologie serienreif ist, dürfte bald die nächste Inkarnation von Fleisch zu einem konkurrenzfähigen Preis auf den Massenmarkt kommen. Und Beyond Meat? „Unser Ziel ist uns heilig, der Weg dahin aber nicht“, sagt Brown. „Wir überarbeiten unsere Produkte die ganze Zeit. Wir sind noch lange nicht nah genug an tierischen Proteinen dran, aktuell vielleicht bei 65, 70 Prozent.“

Schon 2040, glauben Experten, könnten 60 Prozent alles verkauften Fleisches in der ein oder anderen Form aus der Retorte stammen. Foto: Beyond Meat

Beyond Meat hat quasi das Handy des Fleischmarkts erfunden. Wer aber erfindet, um im Bild zu bleiben, das Smartphone? In einem lichten Dachgeschossbüro mit bodentiefen Panoramafenstern, nicht weit vom Rosenthaler Platz in Berlin entfernt, klappt Mazen Rizk – braunes Haar, blaues Hemd, schwarze Jeans – sein dunkelgraues MacBook auf und skippt schnell durch seine Präsentation. Der 34-Jährige, geboren und aufgewachsen in Byblos im Libanon, hat an der Technischen Universität Hamburg in Mikrobiologie promoviert, Schwerpunkt: industrielle Biotechnologie. Sein Ziel: neue Ernährungsquellen zu entwickeln. In  feinem, gewähltem Deutsch erzählt er, wie er mit seinem Startup Mushlabs den Nachfolger von Fleisch im Labor wachsen lassen will: Biomasse aus Pilzwurzeln, die sich anbraten lässt und die man auf den Grill schmeißen kann. „Die Frage ist doch: Wie können wir Fleisch ersetzen? Und können wir vielleicht sogar etwas Besseres als Fleisch produzieren?“

Mit seinem Team arbeitet Rizk in einem kleinen Labor in Hamburg und hier in Berlin, in den Räumen des Atlantic Food Labs, eines Inkubators für Innovationen auf dem Essensmarkt. Rizk ist vorsichtig, er weiß, wie schwer solche Neuentwicklungen im Labor sind. Aber genau das macht für ihn auch den Reiz aus: „Die Möglichkeiten, unsere Pilzwurzel-Biomasse einzusetzen, sind total vielfältig“ sagt er. „Wir wollen mehr als eine neue Rezeptur formulieren. Wir wollen etwas komplett Neues herausbringen!“

Nicht nur das: Während das Fleisch von Beyond in vielen Arbeitsschritten mit insgesamt über 20 Zusatzstoffen, Gewürzen und Beigaben versetzt werden muss, ehe es halbwegs nährreich und gleichzeitig schmackhaft ist, will Rizk seine Pilzprotein-Biomasse so züchten, dass die notwendigen Vitamine, Proteine und Ballaststoffe schon in der Pilzmasse enthalten sind. So wie bei richtigem Fleisch. 2020 soll, wenn alles gut läuft, das erste Produkt marktreif sein. Und vielleicht geht der Boom dann auch für Mazen Rizk los.

Auch Ethan Brown weiß, dass sein Vorsprung an jedem Tag ein bisschen schmilzt. „Wir haben noch viel zu tun. Aber es gibt bei uns in der Firma einen echten Hunger und Ehrgeiz, den Markt weiterhin anzuführen.“ Die erste Etappe mag für Beyond Meat gewonnen sein. Aber, daran hat Brown keinen Zweifel, das Rennen ist noch lange, lange nicht vorbei.

Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titelstory: Wie das Fleischersatz-Startup Beyond Meat vom Weltverbesserereinfall zur milliardenschweren Company wurde – womit Gründer Ethan Brown gar nicht gerechnet hatte. Außerdem starten wir zum ersten Mal unser Reputationsranking „Top Companies für digitale Talente“, welches Orientierung geben und anhand von Case-Studies zeigen soll, wie die Digitalisierung der Arbeitswelt in ausgewählten Unternehmen vom Startup bis zum Konzern angegangen wird. Für mehr Infos hier entlang.


Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.

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