Zu Besuch im Haifischbecken des Himalajas: der Startup-Stadt Kathmandu

Und schon das ist ein großer Erfolg. Nepals Gesellschaft ist rigide, eine fatalistische Einstellung verbreitet. Die Kaste bestimmt in dem 30-Millionen-Einwohner-Land nach wie vor das berufliche Schicksal: Brahmanen gehen tendenziell in die Verwaltung, Kshatriyas zur Polizei oder zum Militär. Auch sonst sind die Umstände für Startups nicht eben rosig: Von 1996 bis 2006 tobte in Nepal ein Bürgerkrieg zwischen dem Königshaus und maoistischen Rebellen, der 12 000 Menschen das Leben kostete und schließlich das Ende der Monarchie besiegelte.

Die nepalesische Wirtschaftsleistung pro Kopf beträgt auch deshalb nicht einmal die Hälfte jener Indiens. Im Human Development Index, der zusätzlich Lebenserwartung und Bildungsniveau misst, findet sich das Land nur auf Rang 149, noch hinter Angola und nur knapp vor Pakistan. Auch deswegen hat Shres­tha vor fünf Jahren gemeinsam mit Mitstreitern das Idea Studio gegründet: „Wir wollten einen sozialen Wandel durch mehr Unternehmertum bewirken. Wir müssen neue Wege gehen. Sonst ändert sich nichts.“ Die Startup-Szene ist in den vergangenen fünf Jahren jedenfalls rasant gewachsen. Landesweit gibt es über 30 Inkubatoren, eine Hand voll Private-Equity-Firmen und Impact-Investment-Fonds sowie eine Reihe an Blogs und Events, die die Szene vernetzen. Noch wichtiger aber: Es gibt erste sichtbare Erfolge.

Sujeet Regmi und Pukar Acharya haben sie sich beim MBA-Studium an der Universität Kathmandu kennengelernt. Seit zwei Jahren sind sie mit ihrer Plattform Sajilo Marmat Sewa – kurz: SMS – am Markt. Dort vermitteln sie Klempner, Elektroinstallateure und Computertechniker, eine App soll im Sommer folgen. „Unsere Handwerker sind professionell, pünktlich und erledigen die Arbeit so schnell wie möglich – das ist in Kathmandu ausgesprochen ungewöhnlich“, erklärt Regmi. Die Nachfrage ist entsprechend groß. Über 4 000 Aufträge konnten bereits vermittelt werden, seit dem dritten Monat wird ein kleiner Gewinn geschrieben. Die Handwerker arbeiten freiberuflich, SMS kassiert eine Kommission. „Wie bei Uber“, sagt Acharya.

Die Gründer hatten nach ihrem Technikstudium begonnen, in einem großen Unternehmen zu arbeiten, verzweifelten aber schnell an der traditionellen Businesskultur. „Ich habe sechs Tagen die Woche zwölf Stunden geschuftet, aber null Anerkennung dafür bekommen“, sagt Regmi. „In Nepal herrscht ein feudales Mindset, gute Leistung wird nicht wertgeschätzt. Vor einigen Jahren gab es selbst in den großen Unternehmen noch nicht einmal HR-Abteilungen.“ Die Aussicht auf so ein frustrierendes Berufsleben, erzählen die Gründer, sei der Impuls zur Gründung gewesen.

Strategische und konzeptionelle Unterstützung fanden Regmi und Acharya im Idea Studio. Deutlich schwieriger war es, Kapital ranzuschaffen. Lokale Investoren würden oft nicht verstehen, wie Startups funktionieren, forderten meist die totale Kontrolle über das gesamte Unternehmen, berichten die Gründer. Andere seien skeptisch bei Dienstleistungsunternehmen und bevorzugten sichtbare Investments wie Fabriken oder Straßen. „Es gibt einen eklatanten Mangel an Know-how“, sagt Acharya. „Es wirkt, als ob viele Nepalesen eine andere Sprache sprechen als wir. Ich fühle mich oft wie ein Fremder im eigenen Land.“

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