Zu Besuch im Haifischbecken des Himalajas: der Startup-Stadt Kathmandu

Amun Thapa kennt das. Er gilt als das Urgestein in der nepalesischen Gründerszene: Nach dem Marketingstudium in Oklahoma kehrte Thapa 2010 nach Kathmandu zurück. „Damals war E-Commerce in den USA bereits Mainstream, in Kathmandu gab es nicht einmal Ansätze dazu“, erinnert sich der heute 31-Jährige. Mehr noch: Viele Produkte waren nur in der Hauptstadt erhältlich – in einem Land mit 30 Millionen Einwohnern, das sich über fast 900 Kilometer von West nach Ost erstreckt. „Für ein paar Adidas-Schuhe musste die Mehrheit der Menschen fünf oder sechs Stunden nach Kathmandu fahren, dort einen Tag lang von einem kleinen Geschäft zum nächsten laufen und dann wieder stundenlang zurückfahren“, sagt Thapa. Ein Land wie gemacht für E-Commerce. Also gründete er Sastodeal.

„Ich bin nicht hier, um Geld zu verdienen, sondern um einen Unterschied in meinem Land zu bewirken“

„Wir waren absolute Pioniere“, sagt Thapa. „Wir mussten den Händlern am Anfang buchstäblich erklären, was das Internet ist. Wir haben viel Zeit damit verbracht, Wissen zu vermitteln, haben Vorträge in Schulen gehalten. Das war sehr hart.“ Entsprechend bescheiden waren die Anfänge in Thapas kleiner Garage, die er für rund 20 Euro im Monat mietete, die Möbel kamen vom NGO nebenan, das die kaputten Sessel und Tische eigentlich auf den Müllplatz werfen wollte. „Eineinhalb Jahre habe ich gratis gearbeitet. Meine Familie dachte, ich bin verrückt“, erzählt Thapa. Mittlerweile ist Sastodeal eine Erfolgsgeschichte und die Nummer zwei auf dem nepalesischen Markt, direkt hinter dem chinesischen Giganten Alibaba: Millionen Kunden, ein Wachstum von 300 Prozent, 56 Mitarbeiter, die unter anderem die Webseite aktualisieren und sich um Fotos und Beschreibungen der Produkte kümmern. Mittlerweile gibt es neben der lila-türkisfarbenen Website eine App samt Expressliefer- und Tracking-Option. Auf Facebook hat Thapas Firma annähernd 600 000 Likes.

Doch dem Unternehmer geht es nicht nur um Kennzahlen: „Ich bin nicht hier, um Geld zu verdienen, sondern um einen Unterschied in meinem Land zu bewirken“, sagt er. Und das nicht nur als Vorreiter in Sachen Digitalisierung: „Sastodeal ist anders als das typische nepalesische Unternehmen. Wir haben eine Open-Office-Kultur, eine offene Kommunikation, auch die Dame am Empfang kann mir Vorschläge machen, was sie anders umsetzen würde.“ Wer sich für soziale Angelegenheiten engagiert, kann drei Tage zusätzlich Urlaub nehmen. „Ein Mitarbeiter ist letztens in eine abgelegene Region gefahren und hat dort einen Jahresvorrat Papierwaren an Schüler verteilt.“ Wofür man angesichts der schlechten Straßen in Nepal mindestens zwei Tage einplanen muss. Und: Als erstes Unternehmen in Nepal ermöglicht Sastodeal seinen Mitarbeiterinnen, „Menstrual Leave“ einzureichen und so während der Menstruation daheim zu bleiben. Eine Kulturrevolution für das Land im Himalaja.

Auch Tootle ist eines jener Startups, über die in Kathmandu jeder spricht: Bis zu 4 000 Fahrten vermittelt Tootle pro Tag, 200 000-mal wurde die App heruntergeladen. Seit Anfang 2017 ermöglicht der Ridesharing-Dienst, per Motorradtaxi durch die Stadt zu kommen – ein großer Zugewinn an Lebensqualität in einer Metropole, deren öffentlicher Verkehr sich in miserablem Zustand befindet, deren Taxifahrer sich standhaft weigern, Taxameter einzuschalten – und in der weder Uber noch Lyft oder einer der chinesischen Konkurrenten aktiv sind. Lediglich Pathao aus Bangladesch versucht seit einigen Monaten, Fuß zu fassen.

Das Großraumbüro von Tootle befindet sich im Stadtteil Patan, in dem auch viele internationale Organisationen ihren Sitz haben, und sieht aus, wie diese Büros überall aussehen: viele Laptops, in der Mitte eine Tischtennisplatte. Sixit Bhatta ist Chef und Gründer des Startups: 39 Jahre, Vollbart, Goldkettchen, blaue Designerbrille, jede Menge Selbstvertrauen.

Die Pläne von Bhatta sind immens: „Der Westen glaubt, dass er das Epizentrum der Welt sei.“ Dabei leben alleine rund um Nepal an die drei Milliarden Menschen. „Wir haben das Potenzial, Technologie wirklich zu skalieren. Wenn eine Lösung in Kathmandu funktioniert, dann funktioniert sie auch in Indien und China.“ Unternehmertum sieht Bhatta als Kunstform: „Die ganze junge Szene ist in Kathmandu in den vergangenen Jahren viel lebendiger geworden, es gibt mehr Street-Art, Hip-Hop, Stand-up-Comedy. Startups sind für uns nur eine von vielen Möglichkeiten, um uns auszudrücken.“

Dieses Selbstbewusstsein und diese Gelassenheit kann Bhatta derzeit gut brauchen, hat er momentan doch recht unangenehme Diskussionen mit den Behörden. Denn Bhatta wird vorgeworfen, einen illegalen Dienst zu betreiben, von Steuerhinterziehung ist die Rede. Manche sagen, dass die Taxlervereinigung hinter den Ermittlungen stecke. Das eigentliche Problem ist jedoch ein anderes, sagt Bhatta: „Was wir tun, ist nicht illegal, sondern zum Teil nicht legal. Es gibt nämlich einen Mangel an Regulierung. Wir wussten schlicht und einfach nicht, wie wir die Rechnungen ausstellen sollen, daher haben wir es so gemacht, wie es uns sinnvoll erschien.“ Damit ist Tootle nicht alleine: Auch Sastodeal-Gründer Thapa arbeitet nach Gesetzen, die bislang nicht existieren: „Für den E-Commerce gab es bisher schlicht keine Regeln.“ Die Beamten würden oft nicht wissen, was sie tun sollten. „Auch ich wusste oft nicht, wie ich mich verhalten soll. Das hatte freilich auch sein Gutes, weil ich so alles tun konnte“, sagt Thapa mit einem leisen Lachen. Er arbeitet jetzt gemeinsam mit der Regierung an einem Entwurf für ein erstes E-Commerce-Gesetz.

Was für Tootle und Sastodeal stimmt, gilt generell für die nepalesische Start­up-Szene: Es gibt wenig Infrastruktur, aber auch wenig Konkurrenz. Kaum Regulierung, aber ein gewisses Interesse, dass sich das ändert. Auch wenn die Anfänge alle noch etwas zaghaft sind, wie Tim Gocher weiß. Gocher war „ein typischer Investmentbanker, der sich im Himalaja selbst finden wollte“, wie er es mit britischem Understatement formuliert. Aufgrund eines heftigen Monsunregens musste er 2003 einige Tage lang in einem kleinen Dorf nahe der chinesischen Grenze ausharren und war vollkommen überwältigt von der Gastfreundschaft der Menschen. Noch im selben Jahr gründete der Brite erst eine Hilfsorganisation, ein paar Jahre später dann mit der Berufserfahrung aus seinem alten Leben den ersten internationalen Private-Equity-Fonds Nepals: 36,6 Mio. Euro hat Gochers Dolma Impact Fund bisher aufgestellt und in lokale Unternehmen investiert, unter anderem in Sastodeal.

„Es gibt in Nepal vor allem im Technologiebereich phänomenale Wachstumsmöglichkeiten“, sagt Gocher. Die finanzielle Rendite ist jedoch nicht alles. Der Fondsgründer möchte mit dem Kapital einen positiven sozialen Beitrag leisten: Das wichtigste Ziel ist für Gocher das Schaffen von Jobs, denn eines der größten Probleme Nepals ist deren Mangel. Täglich verlassen Hunderte junge Menschen das Land, um in Malaysia oder Dubai zu arbeiten. Ihre Geldüberweisungen retour in die Heimat machen über 25 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Fast jeder zweite Nepalese ist darauf angewiesen, von Verwandten im Ausland unterstützt zu werden. Nepal selbst aber fehlen damit wichtige Köpfe.

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