Als „Agentur für Lovebrands“ arbeiten David+Martin nur, wenn die Chemie stimmt

Inzwischen haben Eggert und Stephan ein Gefühl, was klappen kann. Das wurde teuer erkauft. „Wie so viele Gründer haben wir total überambitioniert angefangen“, sagt Eggert selbstkritisch. Ironische Fußnote fürs Gründertagebuch: Das eigentliche Agenturgeschäft hat mit Kunden wie Red Bull, Campari, Dr. Pepper Cola, Hennessy, Leerdamer, Belvedere Vodka, Ovomaltine immer gut funktioniert. Doch die Nebengeschäfte verbrannten so viel Geld – Eggert schätzt einen mittleren sechsstelligen Betrag –, dass der ganze Laden in den vier Jahren seit Gründung schon mehrmals auf der Kippe stand. Aber hey, Scheitern gehört bekanntlich dazu. Ein effektiver Weg zu lernen – über den Markt, aber auch über sich selbst, die eigenen Irrtümer und wahren Kompetenzen.

„Wir haben am Anfang gesagt, wir sind eine Agentur für Food and Beverage. Aber das ist totaler Quatsch“, sagt Eggert. „Nach und nach haben wir immer besser verstanden, wir sind eigentlich ein auf Zielgruppe gerichteter Laden.“ Und zwar die Zielgruppe, aus der sie selbst kommen und die Eggert umschreibt mit „Bock auf gutes Essen, fairen Kontext, lifestylig, irgendwie auch Marke, aber nicht zwangsläufig nachhaltig“, Leute wie David und Martin eben.

„Ich bin Kapitalist“, sagt Eggert. „Ich finde Geldverdienen cool, und ich trinke gerne Champagner.“

München mag helfen, dass sie nicht der Versuchung erliegen, sich mit protestantischer Konsequenz als Sustainability-Agentur zu positionieren. Eggert und Stephan ertragen das bisschen Bigotterie, das zwangsläufig in der Dialektik von Werbungmachen und Gut-sein-Wollen entsteht, nicht nur, sie stehen dazu. „Ich bin Kapitalist“, sagt Eggert. „Ich finde Geldverdienen cool, und ich trinke gerne Champagner.“ Aber er sei eben auch einer, der jedem Obdachlosen eine Zeitung abkaufe, egal, ob er die Ausgabe schon hat.

Als vor drei Jahren die Flüchtlinge in München ankamen, nahm Eggert sein Erspartes und ließ 1 200 Flaschen Refugin produzieren. Der Erlös ging an eine Schule für unbegleitete Jugendliche. Auch die Agentur widmet sich über Pro-bono-Jobs dem Thema. Gerade haben sie für den Non-Profit-Personalvermittler Social Bee, der Geflüchtete als Arbeitskräfte vermittelt und ihnen bei der Integration hilft, einen Nachhaltigkeitsbericht gestaltet: ein Buch aus authentischen Materialien, die den Weg von Lesbos über den Balkan nach Deutschland nachzeichnen. Stephan ist die Route nachgereist und hat unterwegs Stücke von Schlauchbooten, Rettungswesten, Wärmedecken gesammelt.

Natürlich ist es immer leicht, solches Engagement als wohlfeile Werbereitelkeit abzutun. Eggert räumt selbst ein, dass Themen wie Sozialverträglichkeit, Nachhaltigkeit, Sachen, die ihnen persönlich wichtig sind, nicht zwangsläufig zu Kunden wie Red Bull oder Dr. Pepper passen. Darum fügte es sich wiederum sehr gut, dass der Auftrag für die Kampagne für die vergangene bayerische Landtagswahl der traditionell zwischen Verbots- und Besserverdienerpartei lavierenden Grünen bei David+Martin gelandet ist.

Eggert sagt: „Wir haben statt einer Wahlkampagne eigentlich eine Markenkampagne gemacht.“ Konkret hieß das, dass auf Wahlplakaten Geflüchtete als Mitbürger vorgestellt wurden und reale Personen ihre Erwartungen an die Politik formulierten. Darunter der Kampagnenclaim: „Du willst es, dann wähl es.“ Ohne Parteilogo, nur die Farbe verwies auf den Absender.

Die Kampagne brachte der Agentur nach dem deutlichen Wahlerfolg der Grünen viel Aufmerksamkeit. Nicht nur positive. Eines Morgens lag ein abgetrennter Schweinekopf vor der Tür. Beängstigend, klar, aber eine Form von Bestätigung und Motivation für ein Jetzt-erst-recht. Die Münchner würden gerne auch beim Bundestagswahlkampf aktiv werden. Parteien, denen die Zielgruppe abhandenkommt, die David+Martin knacken können, gibt es derzeit ja reichlich. Was, wenn etwa morgen die CDU anruft? „Dann lege ich auf“, sagt Stephan.

 

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Für die Titelstory haben wir mit Phil Harrison gesprochen. Er soll mit Stadia den Entertainment-Standard der Zukunft etablieren. Denn: Googles neue Milliardenwette heißt Cloud-Gaming. Weitere Themen: Konrad Bergströms Vision: umweltfreundliche Elektroboote. Der Schauspieler Tyron Ricketts möchte als Produzent das deutsche Fernsehen endlich von rassistischen Klischees befreien. Und: BMW ringt mit der autonomen Mobilität. JETZT AUSGABE SICHERN!

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