Über Geld spricht man unter Kolleg*innen nicht. Oder doch? Ein Pro und Contra

Ja.

Zunächst das naheliegende Argument für Transparenz bei Gehältern: Gender-Pay-Gap. Die mitunter krass verschiedene Entlohnung von Männern und Frauen ist nur zu überwinden, wenn sie sichtbar gemacht wird. Und doch zeigt eine aktuelle Evaluation der Bundesregierung, dass gerade vier Prozent aller Arbeitnehmer das seit Juli 2017 gültige Entgelttransparenzgesetz nutzen. Dafür gibt es Gründe: Viele Firmen haben wenig Interesse, ihre Gehaltsstrukturen offenzulegen. Angestellte wiederum sorgen sich, als misstrauisch dazustehen und Nachteile zu erleiden. Außerdem muss ein Unternehmen überhaupt erst einmal 200 Angestellte haben, damit Mitarbeiter eine Auskunft bekommen. Was also tun? Über Geld reden! Aber nicht nur zeigst-du-mir-deins-zeig-ich-dir-meins-mäßig, sondern wirklich darüber reden, wie angemessen, überrissen oder kläglich ein Gehalt ist. Denn das Gender-Pay-Gap-Problem ist zwar der wichtigste Aspekt, wenn es um Ungerechtigkeit geht, aber nicht der einzige. Gerade in einer agilen Arbeitswelt, in der kaum jemand nach seiner Jobbeschreibung arbeitet, sondern andauernd neue Rollen übernimmt und andere Verantwortlichkeiten übertragen bekommt, hängt die Vergleichbarkeit von Gehältern nicht mehr wirklich am Titel, der in der E-Mail-Signatur steht. Und eben darum gibt es heute in jedem Team immer irgendwen (wenn nicht irgendwie alle), der oder die sich mit Blick auf diesen oder jenen Kollegen nicht leistungsgemäß entlohnt fühlt. Das daraus erwachsende Gefühl, zu kurz zu kommen, hat oft einen fataleren Effekt als die meist viel gravierendere strukturelle Ungerechtigkeit (ohne diese darum gutheißen zu wollen). Also redet über euer Gehalt und eure Aufgaben. Sicher führt das hier und da zu Streit. Aber auch zu einem objektiveren Blick auf das eigene Einkommen. Klar, ohne Risiko ist das nicht. Dafür weiß man, ob man lieber still weiter seine Arbeit tut oder ob es Zeit ist, sich nach was Neuem umzuschauen. Aber eben als Erkenntnis – und nicht nur als diffuses Gefühl.

Christian Cohrs

Zur Contra-Position gehts auf der nächsten Seite weiter.


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