Über Geld spricht man unter Kolleg*innen nicht. Oder doch? Ein Pro und Contra

Nein.

Eigentlich ist es mir vollkommen egal, was jemand verdient oder nicht. Ob ich weiß, was der Mensch im Büro nebenan auf dem Gehaltszettel hat, ob sie oder er die Zahl kennt, die man mir jährlich überweist. Ich finde diese Neugier nicht ganz nachvollziehbar, und das ganze Gehabe erinnert mich an die aus der Provinz angekarrten Plus-eins-Mitgebrachten, die bei Dinner-Events anderen auf den Teller schauen, ob die Küche dort nicht doch etwas großzügiger angerichtet hat. Es erinnert mich auch an einen Freund, der früh Banker geworden ist und als schamloser und naiver Jungspund rapide alle peinlichen Stereotype der Branche durchlaufen hat. Bei After-Work-Events ist er im Gespräch mit Frauen durchaus zügig auf sein Gehalt gekommen, und was soll ich sagen? Es hat in der Regel eher für Wohlwollen als für Ablehnung gesorgt. Gehaltstransparenz FTW! Oder auch Beamte, diese Berufsgruppe mit dem ganz und gar glanzlosen Standing: Jeder kann in einer Liste nachsehen, was der Steuerzahler denen monatlich auszahlt. In meiner Wahrnehmung kommt mir der Beamte dadurch immer vor wie ein unmündiges, kurz behostes Kind, dem man – „Ach, ist schon wieder Montag?“ – nach viel Kramen im Portemonnaie das geforderte Taschengeld zusteckt. Schön ist das alles nicht, aber klar: Die Welt muss nicht zauberhaft sein, sondern bloß für alle funktionieren. Nur lasst mich damit bitte bitte in Ruhe. Denn mir wird das Thema Gehaltstransparenz seit einiger Zeit massiv in die Timelines gespült. Es ist das neue „Wir müssen drüber reden“-Ding, und nachdem mich schon weder Depressionen noch bedingungsloses Grundeinkommen interessieren konnten und ich mich auch nicht flightshamen lasse, spüre ich hier starkt die nächste große Langeweile aufkriechen. Und vor allem Trotz. Weswegen mein Gehaltszettel schön auf Nimmerwiedersehen in die Schublade wandert und ich auf die Frage nach meinem Lohn mit dem angeblich Kostbarsten antworten werde: einem Lächeln.

Alexander Langer

 

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Für die Titelstory haben wir mit Phil Harrison gesprochen. Er soll mit Stadia den Entertainment-Standard der Zukunft etablieren. Denn: Googles neue Milliardenwette heißt Cloud-Gaming. Weitere Themen: Konrad Bergströms Vision: umweltfreundliche Elektroboote. Der Schauspieler Tyron Ricketts möchte als Produzent das deutsche Fernsehen endlich von rassistischen Klischees befreien. Und: BMW ringt mit der autonomen Mobilität. JETZT AUSGABE SICHERN!


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