Wearable Tech wird immer massentauglicher – und muss auch ethisch überzeugen

Ein Gastbeitrag von John Maeda

Seit den 90er Jahren besteht die Herausforderung für den Einsatz von Wearable Tech im Kompromiss zwischen Rechenleistung, Akkulaufzeit und möglichst wenig lächerlichem Aussehen. Ein gutes Beispiel für dieses Problem ist EyeTap: 1999 vom Erfinder Steve Mann entwickelt, ist EyeTap eine Zweiwege-Kamera, die – ähnlich einem Monokel – vor einem Auge  getragen wird und die Funktionen einer Kamera und eines Bildschirms vereint. Das Forschungsprojekt erregte damals zwar die Aufmerksamkeit der Medien, konnte aber nicht das Interesse der Öffentlichkeit wecken, da EyeTab zu klobig und schwer zu bedienen war. Das Design war einfach und sah aus, als hätte man sich ein Stück ausrangiertes Metall ins Gesicht gesetzt. Außerdem wog die Batterie mehrere Pfund.

Obwohl EyeTap ein extremes Beispiel für unattraktive tragbare Technologien ist, unterstreicht das Projekt die Hürden für eine erfolgreiche Marktetablierung. Im Kern hatte Wearable Tech in den 80er, 90er und frühen 2000er Jahren folgendes Problem: Die Geräte wurden von Expert*innen entwickelt, die zwar großartig in der Kreation von Hardware waren, sich aber nicht unbedingt als große Modefans hervortaten. Das Ergebnis waren daher Produkte, die nicht auf Ästhetik, sondern auf Funktionalität hin ausgerichtet waren. Doch gilt: Auch wenn die Funktionen ohne Frage wichtig sind, entscheidend für den Erfolg sowie die Akzeptanz bei den Nutzer*innen ist das Design. Niemand will ein Produkt, das uns vor Freund*innen und Familie albern aussehen lässt – besonders nicht, wenn überall Kabel heraushängen.

Über den Autor: John Maeda ist Executive Vice President und Chief Experience Officer bei Publicis Sapient, dem Beratungsunternehmen für die digitale Business-Transformation. Zudem gehört er den Aufsichtsräten des Unternehmens Sonos und des Smithsonian Design Museums an. Sein neuestes Buch„How To Speak Machine“ erschien im November 2019.

In den letzten fünf Jahren haben Technologieunternehmen verstärkt versucht, die Designprobleme der Wearables zu lösen. Die Cloud ermöglicht heute skalierbare Rechenleistung, rasante Verarbeitungsgeschwindigkeiten und den Zugriff auf eine unglaubliche Fülle an Daten, die für künstliche Intelligenz und Machine Vision nutzbar sind. Durch Superkondensatoren konnte das Problem der Stromversorgung für bestimmte Anwendungsfälle gelöst werden – ansonsten würden beispielsweise unsere Airpods nicht länger als zehn Minuten mit einer Ladung halten. Die einzige Hürde, die bleibt, ist folgende: Wie sieht man aus und wie fühlt man sich, wenn man Wearable Tech trägt?

Wearable Tech wird Mainstream

In jüngster Zeit tut sich aber etwas in puncto Design für Wearable Tech: Neueste Untersuchungen haben ergeben, dass der Markt für tragbare Technologien im Jahr 2020 um 27 Prozent wachsen wird. Und er boomt bereits heute: Apple konnte im ersten Quartal 2019 einen Anstieg um 30 Prozent bei seinen Wearable-Verkäufen verzeichnen, während der iPhone-Absatz zurückgegangen ist. So gehören Apples Airpods heute praktisch zur Uniform für Pendler auf dem Weg zur Arbeit –ursprünglich ernteten sie aber viel Spott. Auch die Apple Watch hat sich als Alltags-Accessoire etabliert. Die Marke FitBit, die Google kürzlich für 2,1 Milliarden Dollar erwarb (mehr als das Unternehmen 2006 für YouTube zahlte), ist mit ihren Fitness-Trackern allgegenwärtig. Und Intels und Amazons Projekte im Bereich smarter Brillen (Vaunt, Echo Frame) mögen für viele (noch) befremdlich wirken, es lässt sich aber nicht leugnen, dass Wearable Tech inzwischen im Mainstream angekommen ist.

Die Frage, welche Wearables in naher Zukunft erfolgreich sein werden, hängt von drei Faktoren ab: ob das Produkt nützlich, erschwinglich und sozialverträglich ist. Die ersten beiden Dimensionen sind eine Kombination aus Technologie, Business und Design, die zusammenspielen, um ein nützliches Ergebnis zum richtigen Preis zu erzielen. Die dritte Dimension hängt am stärksten vom Design ab.

Die Jeansjacke von Levi’s und Google | Foto: Screenshot via Levi.com

Ein Beispiel: Die smarte Jeansjacke im Trucker Look, die aus einer Partnerschaft zwischen Levis und Jacquard by Google hervorging, zeigt, wie sich Wearables in unser Leben integrieren lassen. Die Jacke lässt sich mit dem Smartphone verbinden und ermöglicht die Steuerung zahlreicher Basisfunktionen wie Telefonieren oder Navigation, ohne dass die Träger*innen ihr Handy aus der Tasche holen müssen. Wearables müssen einfach zu bedienen sein, sich nahtlos in unsere Umgebung einfügen und unseren persönlichen Markenansprüchen entsprechen.

Ethik nimmt an Bedeutung zu

In Zukunft, wenn die Erfolgshürde „Coolness“ überwunden und das Produktdesign ansprechend ist, wird die größte Herausforderung für das Etablieren von Wearables sein, die Bedenken der Verbraucher*innen hinsichtlich ihrer Privatsphäre zu zerstreuen. Technologieunternehmen stehen zunehmend im Rampenlicht, wenn es um die missbräuchliche Verwendung von Kund*innendaten und die invasive Nutzung dieser Daten geht. So füllte sich das Netz nach dem Kauf von FitBit durch Google mit Reaktionen von Leuten, die ihre Geräte in den Papierkorb warfen. Sie waren wütend darüber, dass Google nun Zugriff auf ihre intimsten Daten bekam, die sie über Jahre hinweg gesammelt hatten.

Den Fragen der Batterielaufzeit, Benutzer*innenfreundlichkeit, Erschwinglichkeit und Ästhetik wird künftig immer weniger Bedeutung zukommen, da sich diese angleichen. In Zukunft wird vielmehr der Schutz der Privatsphäre ausschlaggebend dafür sein, welche Unternehmen sich im Wettbewerb durchsetzen können.

Was einst ein Nischenprodukt war, ist heute zugänglich und erschwinglich. Was einst klobig und unhandlich war, ist heute subtil und unprätentiös. Was einst unattraktiv war, ist heute schlank und stilvoll. Tragbare Technologien haben sich von einem nützlichen Gadget zu einer alltäglichen Notwendigkeit entwickelt. Die Zukunft von Wearable Tech liegt in den Händen der Designer*innen und Datenpolitik.


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