Wie Jule Waibel mit einzigartigen Falt-Designs in der Modebranche durchstartete

Auf einen Schlag Chefin, Markendarling und Ausstatterin der Stars: Jule Waibel hat in der Modewelt eine außergewöhnlich rasante Karriere geschafft.

Eines gleich vorweg: Ja, sie hat es getragen, aber es gibt kein veröffentlichtes Foto vom großen Ereignis, niemand außer den engsten Vertrauten der Über-Ikone hat es mitbekommen, und überhaupt ist das ja nur ein kleiner Schritt in der bislang sehr beeindruckenden Laufbahn der Designerin Jule Waibel.

Andererseits passiert es ja nicht jeden Tag und jedem Menschen, dass Supermodel Naomi Campbell ein von einem selbst entworfenes Kleid am edlen Leib trägt. Waibel nimmt es schulterzuckend zur Kenntnis. „Die richtige Person kommt noch, die meine Kreationen perfekt verkörpert“, sagt sie. Und wenn es so weit ist, wird auch jemand ein vorzeigbares Foto machen können. So viel Gelassenheit muss man sich leisten können. Und Jule Waibel kann.

Sie sitzt im Auto und kurvt durch Berlin, Headset am Kopf. Die Stadt geht straight gegen Winter, die Tage trüben sich ein, um 16 Uhr ist es düster, wer kann, bereitet sich auf so etwas wie Flucht vor. Wie Waibel. Am nächsten Tag wird sie nach Bali fliegen, erzählt sie. Waibel spricht schnell. Wie ein Mensch, der viele Termine, aber noch mehr Spaß am Bäm-bäm-bäm solcher Termine hat. Was wegschaffen, würde man in Waibels schwäbischer Heimat sagen. Und Waibel hat ja auch nur Gutes zu berichten: Sie erzählt, dass es momentan ganz gut läuft: „Es ist gerade eine spannende Zeit!“ Kein Wunder: Ihre sehr eigenen, gefalteten Designs und Objekte werden gefeiert, spätestens seit sie vor einigen Monaten die Models von „Germany’s Next Topmodel“ einkleidete. Gleich, sagt Waibel, müsse sie in ihr Studio, hinter dem Treptower Park, im Osten Berlins, der noch günstig ist. Und grau.

Tradition, Schmadition

Doch Jule Waibel hat ein weiteres Studio auf Bali. Statt sich Yoga und Surfen zu widmen, wird sie dort nahtlos weiterarbeiten, wenn sie ankommt. Workation für Fortgeschrittene, Motto: Wer zu sehr runterkommt, der ist irgendwann nicht mehr ganz oben. Und Waibel ist gerade genau da: ganz oben. Aufgewachsen ist sie im Schwäbischen, wo „Sicherheit schon irgendwie wichtig war“, wie sie erklärt. Künstlerin, sagt Waibel, ist nur in der Spitze lukrativ, „man muss schon richtig gut sein, bis da mal Erfolg kommt“. Dass sie kreativ ist, das hat sie immer gespürt, aber nur als Hobby. Das Sicherheitsdenken! Also die Entscheidung: bitte erst mal was Solides. In ihrem Fall bedeutet das ein ganz safes Lehramtsstudium – wie die Eltern und die Großeltern in den Generationen zuvor. „Nach dem Abitur dachte ich, ich studiere auf Lehramt“, sagt Waibel. „Da kann man ja auch kreativ sein.“

Die Schwäbin studierte am Londoner Royal College of Art Produktdesign und entdeckte dort eine komplett neue Technik für sich. Ergebnis: binnen kurzer Zeit weltweite Aufmerksamkeit der neugierigen Szene.

Doch die Gewissheit, dass es sich einfach nicht richtig anfühlt, kam schnell. „Erst dann habe ich mich getraut, Design zu studieren“, sagt sie. Und trotzdem war da noch der Gedanke an Nutzwert, Mehrwert und Sicherheit: Waibel beginnt mit Grafikdesign, fasst langsam Vertrauen in ihre Kreativität. In den Gedanken, dass das alles mehr als ein Hobby sein könnte. Ein Ausbruch aus den eigenen Ängsten, nach und nach – im Gegensatz zu ihrem Bruder Carlo, der zeitgleich mit einem Ruck recht easy in die Charts startete und mit einer Panda-Maske die Hallen füllte. Genau der: Cro.

Jule Waibel aber entscheidet sich für Produktdesign. Der letztlich ausschlaggebende Grund klingt sympathisch nachvollziehbar und verdient aufgrund der verblüffenden Einfachheit ein eigenes Zitat: „Ich finde Produkte gut“, sagt sie und muss selber lachen. Waibel sagt, dass man mit zunehmenden Schritten eben immer mehr wagt: „Wenn man zurückblickt, bin ich Schritt für Schritt meiner eigentlichen Leidenschaft immer näher gekommen.“ Dann wagt sie den Schritt nach London, an das Royal College of Art, um ihren Master zu machen. Und macht dort eine große, für ihre Zukunft zentrale Entdeckung: „Ich habe zugelassen, dass Ästhetik auch eine Funktion von einem Produkt ist. Wenn es nur schön ausschaut, ist das auch nicht verwerflich!“ Schnöde Zweckmäßigkeit als letzte Bastion der Sicherheit gegen das Klischee der brotlosen Kunst: Klingt erst einmal banal, verstößt aber gleichzeitig gegen sehr viele gelernte Prinzipien des Produktdesigns.

Bauhaus-Fans dürften bei ihrer Aussage die feinen Nasen rümpfen, sonnten die sich in den vergangenen Jahren doch in der Sicherheit, Typen wie Ettore Sottsass ausgesessen zu haben (natürlich auf cleanen Eames-Sesseln). Aber eine Neumacherin wie Waibel trifft mit solch einem Satz einen Nerv. Sie sagt: „Ich dachte: Echt, ich kann irgendwas machen, nur weil es gut aussieht?“

Plötzliche Sorge, dass man zu heftig haaren könnte.

Und gut aussehen tut es: Ihre mittels einer speziellen und eigens entwickelten Technik gefalteten Objekte stechen heraus, die Kleider ebenso wie Sessel, die Lampenschirme ebenso wie die Badeanzüge. Das Wort „Hingucker“ mag schrecklich abgenudelt sein, fast genau so wie der Begriff „Conversation Piece“, aber beides trifft voll auf Waibels Werke zu – man kann die Augen nicht davon lassen, außerdem möchte man gerne darüber reden. Auch wenn man vielleicht nicht viel mehr sagt als ein geflüstertes: „Wow!“

Aber London, die Stadt des Punk, der Exzentrik, der Mode und des Geldes lockt nicht nur die Designerin aus der inneren Lehrerin. „London hat die Künstlerin in mir herausgekitzelt, die offenbar voll da war. Auch, dass ich mich getraut habe zu malen, war für mich eine Revolution – das ist ja schon sehr Fine Arts“, sagt Waibel.

Die Benefits des Faltens

Vor allem aber lernt Waibel in London zu falten. Ihre Technik entwickelte sie in einem Projekt, das den Titel „Minimum – Maximum“ trug: „Ich habe alles Mögliche versucht, Duschvorhänge und Latex gefaltet. Ich war voll im Research Mode. Als ich vor der Entscheidung stand, entweder etwas Sinnvolles für meine Abschlussarbeit zu machen oder etwas, worauf ich total Bock habe, habe ich mich für das Falten entschieden.“ Waibel faltet ein Kleid aus Papier – und ist dann nicht mehr zu stoppen. Was man alles falten kann! Eine viel zu glatte, viel zu knicklose Welt tut sich auf. Eine Welt, die auf Jule Waibel wartet.

Mit der Mode bekommt die Designerin noch immer die meiste Augmerksamtkeit

Aber weiß sie das? „Ich dachte niemals, dass ich damit weiterarbeiten würde“, sagt Waibel. „Ich dachte, ich spiele noch ein bisschen, dann geht der Ernst los, und ich arbeite in einem Konzern. Selbstständig zu sein war nie mein Gedanke.“ Da war er wieder: der Ruf der Sicherheit. Doch das Interesse am Neuen ist schneller da, als Waibel sich bewerben kann: Blogs berichten, dann meldet sich 2014 die spanische Modekette ­Bershka, die zum gleichen Konzern wie Zara gehört, und bestellt bei Waibel – als allerersten Auftrag der eben exmatrikulierten Designerin – satte 25 Faltkleider, eines für jeden der 25 Bershka-Flagship-Stores auf der ganzen Welt, um sie in den jeweiligen Schaufenstern zu zeigen.

Schnellste Karriere

„Ich habe denen gesagt: Klar, mache ich! Aber das kann dauern, bis ich 25 Kleider gefaltet habe. Und die haben geantwortet: Du kommst zu uns nach Barcelona, wir stellen dir ein Team, und du bringst das denen bei!“, erzählt Waibel. Damit war Waibel auf einen Schlag eine internationale Designerin, die in einem einzigen Projekt nicht nur Konzern- und Mode-, sondern auch Teamleitungserfahrung in ihren CV schreiben konnte. Andere brauchen dafür Jahrzehnte.

Gleich als Nächstes ruft Swarovski bei Waibel an und ordert eine Art Raumtrenner für das Restaurant der Swarovski Kristallwelten, einer Mischung aus Ausstellung, Flagship-Store und Erlebniswelt in Wattens in Österreich. Waibel, die kaum Erfahrung mit Möbeln hat, experimentiert – und entwickelt eine Filzfalttechnik. Dann entscheidet sie, erst einmal in London zu bleiben. Sicherheit hat sie nun mehr als genug.

Der nächste Impuls kommt von ihrem anderen Bruder, noch im selben Jahr: Die Papierkleider seien ja schön und toll – aber ließen sich die Skulpturen auch aus Stoff falten? Sodass man sie wirklich tragen kann? „Das habe ich dann gemacht, habe viel ausprobiert – dann kam die Anfrage von der London Fashion Week.“

Waibel hatte kein Interesse an herkömmlichen Models, ihr schwebte eher eine Mischung aus gefalteten Petticoat-Kleidern und Oskar Schlemmers Triadischem Ballett vor. Was tun? „Ich habe Tänzerinnen des British National Ballet angefragt – und die tanzten dann in meinen Kleidern.“

Fast schon klar, dass sich daraufhin die Stylistin von Björk meldete, ob Waibel nicht auch ein Kleid mit langen Ärmeln habe? Hatte Waibel nicht, aber sie kennt die erste Regel des Biz: nie Nein sagen. Dann, neulich, war es mal wieder verdammt knapp: Taylor Swift wolle Waibels Cinderella-Kleid in einem Video tragen. Und? „Oh, yeah, she loves it, but she couldn’t move“, sagte Swifts Assistentin. Oh well.

 


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Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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