Wie Micha Kaufman mit Fiverr einen globalen Freelancing-Marktplatz aufbaute

In Tel Aviv hat Micha Kaufman mit Fiverr die Gig-Economy geschaffen. Aber was will er mit seiner Vision der Arbeitswelt der Zukunft erreichen?

Am 13. Juni 2019 lädt Davie504 ein bedeutendes Video auf Youtube hoch: Er sucht nämlich einen Bassisten. Davie504 sitzt in Italien in einem rot-schwarzen Gaming-Sessel und schusselt sich in nahbarem Schüleraustausch-Englisch durch die zehn Minuten Playtime, in denen er via Fiverr.com neun verschiedene Bassisten beauftragt, einen von ihm programmierten Drum-Loop zu begleiten. Extrapunkte für alle, die die Slapping-Technik anwenden. Noch mehr Extrapunkte für die, die ein Livevideo von sich von der Aufnahme hochladen. Die Preise dazu rangieren zwischen 11 und 244 Dollar. Spoiler: Letztlich wird er mit seinem Video mehr verdient haben, als er für alle Aufträge zusammen ausgegeben hat. Weil er verstanden hat, wie er die unumgängliche Plattform für sich zu nutzen weiß. Spoiler Nummer zwei: Mit der unumgänglichen Plattform ist nicht Youtube gemeint.

Denn der zehnte Bassist ist natürlich Davie504 selber, der am Ende seines Videos verkündet, per Fiverr ab sofort für alle Bass-Aufträge dieser Welt bereit zu sein. Er spielt dazu seine eigene Tonspur ab, und man muss sagen, dass er seine Vorgaben tatsächlich am genauesten umsetzt. Perfekte Freelancer-Inszenierung für die Arbeitswelt von morgen.

Superhelden und IPO

Micha Kaufman sagt, dass er das Video nicht kennt. Aber er hört die Geschichte, wie es viral gegangen und mittlerweile fast vier Millionen Views bekommen hat, natürlich sehr, sehr gerne. Davie weist mehrfach darauf hin, dass sein Video nicht gesponsert sei – aber wie der Zufall so will, hat Kaufman an just jenem 13. Juni 2019 Fiverr an die New Yorker Börse gebracht. Damit hat er seine weltweite Freelancer-Plattform aufs nächste Level gehoben. Jeder kann jetzt Anteile des bald zehn Jahre alten Fiverr kaufen; die Zukunft der Arbeitswelt, wie Kaufman sie vorausgedacht hat, ist nun eine Wette für die breite Öffentlichkeit.

Keine Schlechte: Vor Kurzem hat Fiverr die Zahlen für Q3 bekannt gegeben: 42 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahresquartal. Die Marktbewertung für das noch frisch am Markt gehandelte Unternehmen liegt bei etwas unter 700 Mio. Dollar. Immer mehr Kunden, die immer mehr pro Auftrag hinlegen. Niemand, scheint es, will die große Veränderung am Arbeitsmarkt verschlafen.

Kaufman sitzt in einem gläsernen Meetingraum im Fiverr-HQ und sagt, dass er diese Zukunft der Arbeit in einer langen Nacht erdacht hat. Unten vor der Tür kreuzen im Stadtteil Sarona die Straßen Eliezer Kaplan und Dubnov. Das hier ist Business-Tel-Aviv, aber nicht der glitzernde Hochhausteil, sondern eher ein etwas angestaubter Bereich: Gegenüber steckt die World Zionist Organization in einem braunen 50er-Jahre-Bau. Fiverr selber sitzt in einem fast quadratischen Gebäude, das einmal die Handwerkskammer beherbergt hat uBnd auf das Kaufman neulich eine Rundum-Dachterrasse hat setzen lassen. Im Regal hinter Kaufman ein riesiges Sammelsurium von Superhelden-Swag, an der Wand hängt der Schild von Captain America. Schön: Fast vergessen kippt das feierlich-schnörkelige Zertifikat des NYSE über die Börsenlistung am Boden gegen ein Fenster. Die Gewichtung der Prioritäten scheint klar.

Superheldenfan Kaufman bezeichnet das Unternehmen immer noch als „hungriges Startup“. Aber eines, das auf dem Weg ist, die One-Stop-Weltmarktlösung für den riesigen Bereich Freelancertum zu werden. Eine Plattform, die jeden einzelnen Schritt bietet und transparent macht: Suche, Deal, Auftrag, Bezahlung, Bewertung. Es ist eigentlich ganz einfach: Jeder Mensch mit bestimmten Skills ist ein potenzieller Anbieter – jeder andere Mensch mit Bedarf an einer spezifischer Kompetenz und ein paar Dollar in der Tasche ist ein potenzieller Auftraggeber. Kaufman zählt die weltweiten Standorte, die er mittlerweile eröffnet hat, an den Fingern ab. Er braucht dazu eine dritte Hand: „Wir laufen uns jetzt gerade erst warm“, sagt er.

Der Weg zur Idee

Aber zurück zur ursprünglichen Idee, die ihm in der langen Nacht kam: Nicht er allein hat sie erdacht, es war eher ein Thinktank, was einem hierzulande normal erscheinen mag, in Israel aber vor knapp über zehn Jahren noch etwas Neues darstellte. „Ich habe alle zwei Wochen sieben bis zehn gute Freunde zusammengerufen, die alle etwas mit Software oder Internet zu tun hatten. Wir haben ein bisschen was getrunken und über unsere Visionen geredet.“ Das war 2007, noch vor Finanzkrise und Rezession, und Kaufman hatte damals viel Zeit zum Reden und Nachdenken. Er war in den Monaten davor auf, wie er es nennt, Spurensuche. Er lächelt.

Kaufman meint damit eine schmerzvolle Zeit. Er hatte sein Unternehmen Spotback mangels Funding dichtmachen müssen. Spotback war ein personalisierter RSS-Feed, seiner Zeit damals voraus, und Techcrunch hatte den Service sogar schon als „the Digg killer“ gefeiert. „Wir hatten damals gerade mal einen sechsstelligen Betrag auf dem Konto, dann kam Outbrain und hat irre Summen geraist.“ Der große Gegner hat Kaufmans Unternehmen quasi binnen Minuten vom Tisch gewischt, und Kaufman schwor sich, „nie wieder ­underfunded“ zu sein. Was er mit dem IPO von Fiverr vorerst sichergestellt haben dürfte.

Jedenfalls wurden bei diesen Abenden Einfälle hin- und hergeschickt. „Die Regel: Wenn wir eine Idee haben, dann gehört sie niemandem. Außer, jemand will sie unbedingt umsetzen.“ Kaufman erinnert sich an völlig unstrukturierte Nächte, die aber gerade deswegen auch inspirierend und interessant waren. Er sagt, dass ihn allein die Vorfreude auf diese regelmäßigen Termine beflügelt hätte.


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