Wie Micha Kaufman mit Fiverr einen globalen Freelancing-Marktplatz aufbaute

Ein Ebay-Kleinanzeigen für Kreative?

Eines Morgens nach so einem Abend wachte Kaufman auf und war noch immer begeistert: „Wir waren ja alle immer schnell angestachelt, aber normalerweise legte sich das schnell, wenn alle zurück bei ihren Familien waren.“ Dieses Mal nicht: Kaufman und sein späterer Fiverr-Cofounder telefonierten sofort nach dem Aufwachen und überlegten: Könnte das ein funktionierendes Geschäftsmodell werden? Ein Marktplatz für Dienstleistungen aller Art? Ein Ebay-Kleinanzeigen für … Kreative?

Kaufman ahnte nicht, dass die Idee gut war. Er wusste es. Aus eigener Erfahrung: 15 Jahre zuvor hatte er als Anwalt für geistiges Eigentum im IT-Bereich gearbeitet, aber nebenbei immer an eigenen Ideen gefeilt. Kaufman zeigt aus dem Fenster des Meeting-Raums in der sechsten Etage: Er kann vom Fiverr-Gebäude aus noch immer den hellen Büroturm einen halben Kilometer entfernt sehen, in dem er damals als Jurist in einem kleinen Büro saß. Ein anderes Leben. Damals, Anfang der Nullerjahre, kam er auf die Idee für ein Encryption-Startup: Datensicherung auf Festplatten. Kaufman bezeichnet sich zwar selber als Low-Level-Coder, doch die Aufgabe zur Umsetzung war ihm doch zu komplex.

Kaufman suchte im Internet herum, ob jemand diese Idee bereits hatte. Und stieß auf eine russischsprachige Seite. Er schrieb dem Betreiber, einem IT-Experten bei einer Bank in Sibirien, der – wie sich herausstellte – kein Englisch konnte. Kaufman und der ITler verständigten sich über E-Mails, die Kaufman mit dem DeepL-Urahn Babbelfish übersetzte. Einen Monat später gründeten der Russe und der Israeli ihr Unternehmen: Kaufman entwarf das Produkt, der Coder baute es. Binnen wenigen Wochen boten sie die Software auf Shareware-Seiten zum Download an.

Kaufman lächelt noch immer: „Es war unglaublich. Das waren die schönsten 19 Dollar, die ich je verdient habe, immer und immer wieder verdient habe. Du hast was geschrieben, und komplett fremde Leute haben es einfach gekauft. Das war Magie!“

Die City auf Speed

Für Kaufman und seinen Kompagnon war die Zweitfirma eher einträgliches Hobby denn Beruf, aber bei der Liga der Kunden mussten sie Company spielen und Größe suggerieren, wie Kaufman erzählt: „Wir haben Aufträge von großen Unternehmen wie Merrill Lynch und Deloitte bekommen!“

Wenige Wochen bis zum verkaufsfertigen Produkt, und das neben Bank- und Anwaltsjob? Das mag auch an Tel Aviv liegen, dieser kleinen Metropole zwischen Energie und Abhängen: Wenn man durch die Stadt läuft, scheinen alle etwas zu tun zu haben und eingespannt zu sein. Selbst die Jogger an der Promenade wirken, als wären sie in höherem Auftrag unterwegs. Die Kunden in den französischen Cafés führen schon frühmorgens laute und hektische Gespräche am Telefon. Frauen fahren sogar energisch mit Yogamatten behangen auf E-Scootern zum Strand. Und gleichzeitig ist Tel Aviv eine Stadt zwischen Lässigkeit und Nachlässigkeit, in der lose Kabel von den Strommasten baumeln, die nächtlichen Gassen nach Schweiß, Müll, Gras und Urin riechen und in den Clubs der nächste Morgen ähnlich weit weg scheint wie in Berlin.

Diese Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen, das Energetische und das Lockere, das Verbindliche und Flüchtige, könnte genau der Sweet Spot sein, auf den auch Fiverr hinausläuft: Arbeiten, wenn gearbeitet werden muss. Und sonst: frei sein. Das Standardmodell der vernetzten Zukunft.

Biz-Model Freelancer

Als Kaufman und seine Buddies Jahre später also eine frühe Idee zu Fiverr formulierten, ist er gleich elektrisiert – er hat ja selbst erlebt, dass es funktionieren kann. Und nebenbei löst Kaufman sein eigenes Problem: In den Jahren der Selbstständigkeit nach dem Anwaltsjob waren Kaufman und befreundete Unternehmer immer wieder auf die Hilfe von freien Zuarbeitern angewiesen – aber fanden keine. Menschen wie Kaufman, sagt er selbst, sind Generalisten: „Wir können nicht alles, wir benötigen Spezialisten.“ Ein frustrierender und ungeordneter Prozess sei das gewesen. Kaufman zählt lustvoll die Schritte auf, die ihn in den Wahnsinn getrieben hätten und zum Teil immer noch treiben: „Du fragst Freunde nach jemanden mit den nötigen Skills. Auf Facebook werden Namen unter deine Frage gepostet. Du kontaktierst diese Leute, triffst sie bei Starbucks – du schaust diesem Menschen in die Augen: Ist das die richtige Person für den Job?“ Kaufman schüttelt bei jedem der Punkte den Kopf.

Es ist tatsächlich irrsinnig ineffizient: Man hat keine Garantie als die Empfehlung eines Bekannten. Angebot, Verhandlung, Vertrag – wie viele Stunden, wie viel Arbeit, wie viel Gehalt. „Kennt jeder“, sagt Kaufman. „Der Freelancer sagt drei Tage, am Ende sind es drei Wochen. Dann kommt irgendein Vertrag. Der Freelancer nutzt Skype, du aber Zoom, und wie sieht es mit der Rechnungsstellung aus? Nichts ist standardisiert.“

Als Kaufman 2010 mit Fiverr online geht, machen Freelancer 30 Prozent des US-Arbeitsmarkts aus. Heute sind es schon rund 40 Prozent, und Kaufman rechnet fest damit, dass dieser Anteil in naher Zukunft auf 50 Prozent anwachsen wird.

Mitten im Stadtteil Sarona steht das altehrwürdige Gebäude der Handwerkskammer und jetziger Fiverr-Hauptsitz. ©Tobias Heuser


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