„Gesundheit wird der neue KPI für Erfolg“

Robert Bosch ist der Managing Director der Strategie- und Digitalberatung KiliVentures. Wir haben mit ihm über die Rückkehr eines längst vergessen geglaubten Typus in der Wirtschaft geredet.

Herr Bosch, Sie haben in der letzten Zeit die Feststellung gemacht, dass Stimmen laut werden, die in der Coronakrise die Rückkehr des „harten Hundes“ in der Wirtschaft fordern. Aber wo befindet sich der harte Hund eigentlich gerade?

Der musste sich massiv umstellen. Die Rasierklingen an den Ellbogen sind einfach weniger gefragt gewesen, stattdessen Empathie. Es ist ein Miteinander gefragt, das Thema Beziehungsmanagement ist im Management wichtig: Verbindlichkeit und Kontrollierbarkeit. Die Menschen haben sich sehr verändert. 

Das sagen Sie aus eigener Erfahrung?

Ich selber komme aus einer Generation, in der man nach dem Studium in die Unternehmensberatung gegangen ist. Dort war dann ein Statussymbol, die Nacht durchzuarbeiten, nach Hause nur schnell zum Duschen, morgens den ersten Flieger, abends den letzten Flieger nehmen. Möglichst schnell die Inbox leerbekommen. 

Aktuelle Themen wie Freiheit, Home Office, flexible Arbeitszeiten?

In der Generation der Consultants 1.0 war das undenkbar, etwas für Weicheier. Die Partner*innen haben eine irre Geschwindigkeit in der Arbeit vorgelegt und vorgelebt. Das hat sich doch sehr in den letzten 20 Jahren geändert. Aber auch Werte rückten viel mehr in den Mittelpunkt, etwa Anstand. Das wurde viel wichtiger als Execution und Stunden schrubben und den wirtschaftlichen Vorteil suchen.

Aber nun beobachten Sie, dass in der Coronakrise die Stimmen eben nach dieser alten Get-Shit-Done-Welt laut werden?

Ich hatte einen Investor*innen-Call, in dem ein Investor wieder eine sehr viel härtere Gangart gefordert hat. Das hat mich überrascht. Denn vor drei Monaten hat man sich noch über Company-Events und karitative Sportförderung Gedanken gemacht, jetzt plötzlich schaltet man um in einen Modus, der das alles aushebeln soll: der eiserne Besen. Das soziale Bewusstsein, das man vorher proklamiert hat, wird plötzlich verdrängt. Wir sind in der Krise, jetzt ist Schluss mit Feelgood-Party, jetzt ist Kampf angesagt. Aber ich dachte: Wir müssen schon anständig bleiben.

Aber selbst wenn man als harter Hund wollte, kann man überhaupt noch Menschen aus der New-Work-Kuscheligkeit zurückholen?

Nein, glaube ich nicht. Jemand, der diesen Rückschritt zum Micro-Management macht, wird die Teams verlieren. Das Wichtigste in der Krise ist, dass die Mannschaft dabei bleibt und man sich bewusst wird, dass man eine soziale Verantwortung hat und diese auch ausstrahlt. Als Führungskraft an jenen Sachen festhält, die die Leute durchsteuert. Das wichtigste ist jetzt, dass klar kommuniziert wird – und häufig. Man kann in dieser Phase nicht zu wenig kommunizieren.

Welche Methoden nutzen Sie beispielsweise?

Ich plädiere für Social Gathering. Zum Beispiel freitags Bolognese-Lunch im Home Office. Jeder kocht, egal ob mit Fleisch oder vegan – und dann macht man ein gemeinsames Mittagessen via Zoom. Es geht darum, die Teams zu connecten.

Was würde der harte Hund dazu sagen?

Wahrscheinlich: „So ein Schwachsinn! Die sollen in zehn Minuten gegessen haben und dann ran an den nächsten Maßnahmenkatalog. Essen ist overrated. Lunch is for losers.“

Müssen wir in der Krise nicht auf altes, vertrautes Wissen setzen? Etwa der harten Hunde, die aus der Finanzkrise 2008 hervorgegangen sind – und die „Lunch is for losers“ verinnerlicht haben?

Da gibt es keine pauschale Antwort. Jedes Unternehmen, jede Organisation ist anders kulturell geprägt. Es gibt Unternehmen, die einen patriarchischen Führungsstil hatten, wo so jemand gut und schnell Fuß fassen kann. Und der dann vielleicht den Ton trifft, der vermisst wurde. Aber ich denke: Jemand, der sich seit 2008 nicht weiterentwickelt hat, der wird 2020 scheitern.

Sie fordern in Ihrem Beitrag, dass neue KPIs für Erfolg hermüssen – welche können das in dieser Phase sein?

Die Unternehmen, die jetzt Probleme haben, sind oft Unternehmen, wo die Probleme wenig mit Corona zu tun haben. Natürlich gibt es Segmente wie Travel, die ganz klar Krisenopfer sind, aber es gibt auch andere, die sich seit Jahren von einer Finanzierungsrunde zur nächsten retten und nun riesige Probleme haben. Da hat der KPI schon vorher nicht gestimmt. Die Krise wird lehren, dass das Thema Gesundheit – im wahrsten Sinne: Gesundheit der Menschen und der Unternehmen, also gesundes Wachstum, gesunder Cashflow, gesunde Kultur – wichtig ist. Vielleicht wird Gesundheit der neue KPI für Erfolg.

Wenn der harte Hund jetzt doch nicht mehr gefragt ist, mit welchem Tier würden Sie ihn als Sinnbild für die Jetztzeit ersetzen?

Schwierig. Vielleicht mit einem Hirsch? Die sind ja majestätisch, gleichzeitig aber vorsichtig, umsichtig – und Hirsche werden ja auch alt. Ich weiß es nicht. Aber ich bin ja auch kein Biologe.


Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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