Staff-Picks: Besondere Netflix-Serie über die Befreiungsgeschichte einer jungen Jüdin

Als im Februar 2012 die Autobiografie „Unorthodox“ von Deborah Feldman in den USA erscheint, schießt sie auf der Bestsellerliste der New York Times schnell an die Spitze. Schon wenige Monate nach Erscheinung wurde sie über eine Millionen Mal verkauft. Jetzt wurde der Erfolg der amerikanisch-deutschen Autorin verfilmt. Eine deutsche Netflix-Produktion, die ähnlich wie die Buchvorlage viel Aufmerksamkeit bekommt.

Aus Williamsburg nach Berlin

Sie erzählt die Geschichte der jungen Jüdin Esty, die aus ihrem ultrafrommen Familienhaus in Williamsburg ins ferne Berlin flüchtet – eine Befreiungsgeschichte. Der New Yorker Stadtteil Williamsburg im Jahr 2020. Dieser Teil in der Stadt, die nie schläft, wirkt grau, dreckig und bedrückend. Und so fühlt sich die junge Jüdin Esty auch. Sie ist in einer freudlosen Welt gefangen, in der sie alle Regeln der chassidischen Glaubensgemeinschaft befolgen muss. Sie spricht Jiddisch statt Englisch, hat keinen Kontakt zu nicht-jüdischen Menschen, wird zwangsverheiratet, muss Perücken tragen und soll möglichst viele Kinder bekommen.

Esty will frei sein und ihre Liebe zum Klavierspielen und Singen ausleben. Deshalb geht sie nach Berlin, die Stadt, die so bunt, offen und voller Leichtigkeit scheint. Ein erster krasser Kontrast zu Williamsburg und vielleicht eine etwas utopische Darstellung. Für die zerbrechliche Esty ist Berlin aber genau diese faszinierende Welt außerhalb ihrer Religionsgemeinschaft.

Zwischen Utopia und Realität

Achtung, kleiner Spoiler: Die beeindruckendste Szene gibt es gleich schon in der ersten Folge der Mini-Serie, als Esty langsam in den Wannsee taucht, ihre Perücke abnimmt und ins Wasser gleiten lässt. Diese tolle Szene haben wir natürlich an erster Stelle Shira Haas zu verdanken, die die Rolle der Esty unglaublich authentisch spielt. Und wenn Shira Haas dann auch noch anfängt, auf hebräisch zu singen, kommen einem beim Zuschauen die Tränen. (Wem nicht, dem ist auch nicht mehr zu helfen.)

Esty entdeckt ihre Sexualität, Identität und Emanzipation. Alles das, was man sich für so eine junge, zerbrechliche Frau wünscht. Berührend und catchy ist diese Serie allemal – und sie regt zum Nachdenken an. Aber jetzt nochmal zu einer anderen Betrachtung der Mini-Serie. Wie realistisch ist sie? Und welcher antisemitischen Klischees bedient sie sich?

Antisemitismus ist da und sollte nicht verharmlost werden

Wie bereits angedeutet – die Darstellung Berlins scheint etwas utopisch. Esty trifft auf eine Gruppe junger Erwachsene (oder sollte ich lieber Hipster sagen?), die allesamt Musiktalente sind, vor Frohsinn nur so sprühen und gegenüber Jüdinnen und Juden vorurteilsfrei scheinen. Und als Estys Ehemann und dessen Cousin sich nach Berlin aufmachen, um Esty zu finden, gehen sie als erkennbare Juden durch die Straßen, ohne dass jemand sie dumm von der Seite anmacht – geschweige denn Schlimmeres. Ist das realistisch? Eher nicht.

Antisemitismus ist da und sollte nicht verharmlost oder gar weggedacht werden. Verständlich also, dass diese Serie kritisch diskutiert wird. Dennoch: Ohne Utopia wäre die Geschichte von Esty längst nicht so mitreißend und besonders, wie sie es jetzt ist. Und mit vier Folgen hat sie die perfekte Länge, um sie am langen Osterwochenende am Stück zu schauen, ohne viereckige Augen zu bekommen.

Weitere Staff-Picks findet ihr hier.


Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.

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