Warum im ewigen Eis Open-Source-Codes für die Welt von überüberübermorgen lagern

Kann man sich eigentlich gar nicht richtig vorstellen: die Welt in 1.000 Jahren. Für die Mitteleuropäer*innen ebenso fremd: eine Insel, die sich in Schnee und Eis hüllt, deren Boden feindlich harten Dauerfrost aufweist, die ohne Reisepass besuchbar ist.

Das sind die Zeit-und-Ort-Parameter für eines der faszinierendsten Projekte, die die Menschheit derzeit in Angriff nimmt. Denn das Code-Repository Github um den Berliner Thomas Dohmke denkt an die Welt von überüberübermorgen: Auf Spitzbergen wird der wichtigste Open-Source-Code auf speziellen Filmrollen eingelagert, damit die Menschheit der fernen Zukunft Einblick in unsere Zeit bekommt. Oder um dann eine Zivilisation neu aufbauen zu können, wer weiß. Jedenfalls: Besonders in einer Zeit, in der die Welt mit der Corona-Pandemie so im Hier und Jetzt gefangen ist, fasziniert der Ausblick nach vorne noch einmal mehr.

Dohmke sitzt in seinem Wohnzimmer in Seattle, die Videokonferenz gibt den Blick auf eine beneidenswerte Skateboardsammlung frei. Er erinnert sich, wie er vergangenes Jahr auf einer Konferenz im Gespräch mit Bekannten eine simple Erkenntnis hatte: „Rund 90 Prozent aller Softwareprojekte basieren auf Open Source oder sind in irgendeiner Weise davon abhängig. Wir sind auf die Bedeutung aufmerksam geworden.“ Ein Gedanke, der ihn nicht mehr losgelassen hat. Dohmke wollte die Anfänge von Open Source in den frühen 90ern bis heute abbilden, eine Art Archiv schaffen. Kein volles Jahr später lässt sich sagen, dass er und sein Team ganze Arbeit geleistet haben.

Unser Mann aus Marzahn: Der Berliner Thomas Dohmke ist seit 2015 an der US-Westküste und nun verantwortlich für das Projekt Arctic Code Vault.

Am 2. Februar 2020 war der Stichtag für die Sicherung der Open Source Software, danach wurde die physische Datensicherung vorgenommen: Eine Filmrolle mit rund 7.000 der populärsten Open-Source-Codes soll im Archiv in Spitzbergen eingelagert werden, darunter Android, Linux und Ruby on Rails. Noch dieses Jahr sollen 200 weitere Filmrollen kommen, die unter den idealen Lagerbedingungen rund 1.000 Jahre halten, weit weggepackt in 250 Metern Tiefe im ewigen Frost. Jedes Jahr soll dann ein Drop stattfinden. Dohmke sagt lapidar: „Wir haben eine Gruppe von Softwareentwickler*innen, da geht es um die schnelle und effiziente Umsetzung.“

Dohmke erklärt den Prozess. Er sagt, dass er und sein Team bei der Archivierung in drei Schichten denken, die man von der Long Now Foundation übernommen hat, einer Stiftung, die sich mit Projekten mit irrsinnig erscheinenden Zeithorizonten beschäftigt. Jedenfalls rechnet man in kalten, warmen und heißen Schichten: „Das ist die Geschwindigkeit der Archivierung“, sagt Dohmke. „Hot ist quasi Echtzeit, stündlich werden die Codes abgegriffen.“ Für die warme Version werden alle drei Monate zusammen mit der Wayback Machine (den Macher*innen hinter dem unumgänglichen Recherche-Tool Internet Archive) Kopien von den Repositories gezogen. Und die kalte Variante, nun, die hat man glorios wortwörtlich genommen: Ab ins ewige Eis mit den Zeilen.

Der genaue Standort für die Lagerung ist im Arctic World Archive, gerade mal einen Kilometer von der World Seed Bank entfernt, wo eine Million Samen lagern, ebenfalls für die Ewigkeit. Der Vorteil am Permafrost ist, dass erst einmal nicht zu erwarten ist, dass die Mine einstürzt, da macht sich Dohmke vorerst keine Gedanken. Auch der Klimawandel soll höchstens die äußeren Schichten angreifen.

Dohmke war schon im vergangenen Oktober an diesem unwirtlichen Ort, hat gesehen, wie jeden Tag die Sonne eine halbe Stunde eher unterging und es plötzlich finstere Nacht war. Er erinnert sich an eine seltsame, aber faszinierende Szene: „Man ist am Ende der Welt, kurz vorm Nordpol, aber man kann dasitzen und handgeschöpfte Schokolade essen und Cappuccino trinken.“ Er erinnert sich, dass größtenteils nur Wissenschaftler*innen und Touristen zu sehen waren. Seinetwegen ist Spitzbergen um eine Attraktion reicher.

Was ist da wohl drin? Gold? Brennstäbe? Besser: das Edelmetall und der Nuklearantrieb der Gegenwart: Open-Source-Code!

Dafür, dass es sich um so eine die Vorstellung sprengende Sache handelt, ist die Verpackung allerdings etwas low-key: „Es ist einfach ein Schild an der Tür, und man läuft in den Schacht rein“, sagt Dohmke. Gut, wer eine jahrhundertealte Flaschenpost findet, wird sich auch nicht daran stören, dass der Korken sich etwas zu leicht aus dem Hals ziehen lässt.

Dohmke berichtet von einer aufregenden Situation. Ein halbes Jahr haben er und sein Team darauf hingearbeitet; als im Februar dann der erste Drop stattfand, wurde ihm bewusst, dass das in der Zukunft einmal Menschen in der Hand haben werden. „Die Idee ist, dass es in 1.000 Jahren immer noch Menschen finden. Die sollen sich darüber informieren, wie in den frühen 2.000ern die Software war. Ähnlich wie man im Forum Romanum in Rom erfahren kann, wie die Römer*innen gelebt und gebaut haben.“

Sein Team ist übrigens unerwartet un-techy. Da tummeln sich Berater*innen aus allen angrenzenden Disziplinen. Archäolog*innen. Linguist*innen. Anthropolog*innen, Astrophysiker*innen, sogar ein Experte aus der ägyptischen Bibliotheca Ale­xan­drina ist am Start, und wenn es einen gibt, der sich mit dem Erhalt von Bewahrenswerten auskennen sollte, dann – kann man meinen – doch der. Dohmke sagt: „Wir haben mehr darauf geachtet, dass sie eher Expertise in den nichttechnischen Skills haben.“ Die Expert*innen sollen nachdenken, wie die einzelnen Codes für jemanden in 1.000 Jahren überhaupt noch nutzbar sind. „Nicht, dass die Menschen der Zukunft dann fragen: Was haben die uns da für einen Schrott hinterlassen?“

Dann kamen die nächsten Fragen auf: Das Team hat einen Index gebaut, außerdem eine Anleitung, wie man die Lagerstätte im Eis findet. Anschließend: Wie können Menschen der Zukunft überhaupt identifizieren, dass es sich um was Bedeutendes handelt. Dazu arbeitete man mit einem Künstler zusammen, „damit es gut aussieht und einen bedeutenden Status hat“, wie Dohmke sagt. Im Archiv selber befindet sich eine Maschine, die den Mi­kro­film lesen kann. Teile des Films sind in verschiedenen Sprachen (per Lupe lesbar) verfasst, und dann kommt der eigentliche OS-Code, der per Barcode oder QR-Code abgedruckt ist. Den kann man mit einer dort vorhandenen Maschine lesen, sollte die nicht mehr funktionieren, muss man einen Guide lesen. Der wiederum muss in einer Sprache erklärt sein, die verständlich ist. Dohmke sagt: „Wir gehen davon aus, dass die Menschen viel weiter entwickelt sein werden als wir und mit ihren Tools den Code ganz einfach lesen können, außerdem eine KI zur Seite haben, die ihnen dabei hilft.

Projekte für den Stolz

Andererseits geht es im ersten Schritt auch erst mal darum, überhaupt zu entscheiden, was ein bewahrenswerter Code ist. Dohmke sagt: „Die Archäolog*innen verstehen in der Regel nicht so viel von Software wie wir, deswegen haben wir eine Art Einleitung zur Programmierung geschrieben.“

Natürlich hat das Projekt in der sehr aktiven Github-Community für Buzz gesorgt. Dohmke sagt, dass es schon um Entwicklerstolz geht. Seit einiger Zeit gibt es ein neues Feature, das eine kleine Schneeflocke am Code zeigt, wenn der es mit auf eine Filmrolle geschafft hat. Außerdem kann man sehen, auf welcher der Rollen sich der Code befindet. Dohmke sagt, dass in der Community viele Menschen sind, die am Wochenende und nach Feierabend coden, für die das eine schöne Bestätigung sein kann. Schöner Nebeneffekt: „Es hat natürlich auch dazu geführt, dass Leute nach der Ankündigung ihre Projekte als Open Source zugänglich machen“, sagt Dohmke, „deswegen haben wir auch den Effekt gesehen, dass Leute umstellen.“ Github archiviert keine privaten Projekte. Und ein Kriterium verrät er auch: „Wir schauen uns an, wie viele Stars das Projekt hatte, wie aktiv es in den vergangenen Jahren war. Wir wollen keinen Datenmüll in die Mine schieben.“

Die Intelligenz von überüberübermorgen sollte in der Lage sein, diese Anweisungen zu verstehen

Das Ganze ist von einer schnellen Idee im letzten Sommer zu einem komplexen Unterfangen geworden, das interdisziplinär gelöst werden muss. Dohmke sagt, dass sich nicht viel in seinem Denken verändert habe, er habe nicht plötzlich eine Leidenschaft für die Archäologie entdeckt – seine Spezialisierung seien immer noch Softwareentwicklung und Maschinenbau. Und er gibt zu bedenken, dass der Arctic Code Vault mit seinem Horizont von 1.000 Jahren nicht mal das spannendste Projekt ist.

So arbeitet Githubs Mutterkonzern Microsoft an einem Lagerprozess, der die Haltbarkeit noch einmal auf die Spitze treibt: Beim Project Silica wird Code auf Glasscheiben gedruckt, die dann 10.000 Jahre halten sollen. „Dazu braucht man dann einen Computer mit Ma­chine-Learning, um die zu entziffern.“ Yeah.

Wie gesagt, in einer Gegenwart, die immer mehr im Hyper-Hier zu existieren scheint und in der ein Kalendereintrag für den nächsten Donnerstag abstrakt und unendlich weit weg erscheint, kitzelt das alles die Hirnwindungen und stutzt die eigene Existenz samt Problemchen auf ein erträgliches Normalmaß zurecht. Andererseits fühlt man sich wie einer der in Lava erhaltenen Menschenumrisse aus Pompeji: Sollten die zukünftigen Generationen von Forscher*innen, Wissenschaftler*innen und Neugierigen erst einmal die Filmspulen des norwegischen Herstellers Piql entziffern, werden sie unsere wahrscheinlich banal wirkenden digitalen Tools sehen. Wird ihr Urteil bewundernd ausfallen? Oder belustigt?

Geschenk an die Zukunft

Wer den Blick 1.000 Jahre zurückwirft, sieht in eine dunkle Zeit ohne viel Überlieferung von Dokumenten oder Zeugnissen. Auch das ist faszinierend, das Nichtwissen, diese Leere. Andererseits auch eine schöne Vorstellung: wie so ein Unausgelasteter der Zukunft nach dem Entspulen der Rollen aus Langeweile „Farmville“ nachcodet und so die Welt des Jahres 3.000 in fürchterliche Retro-Unproduktivität stürzt.

Dohmke lacht: Gar nicht so weit hergeholt, findet er, „schließlich gibt es auch Menschen, die Mittelalterdörfer nachbauen“. Eigentlich ist es schade, dass man das Auspacken des Geschenks an die Zukunft nicht erleben wird.

Freunde und Freundinnen, die neue Ausgabe ist da! Mit einem großen Titel-Dossier zum Thema Sport: in Zeiten, in denen Großveranstaltungen gestrichen werden, entdecken die Hersteller die Herde an Freizeitsportlern – und die werden in Corona-Zeiten immer mehr. Wie wollen Peloton, On Running und Under Armour diese neue Chance nutzen?
Außerdem: Say Say: Ein Anwalt kündigt seinen Job, um einen Hiphop-Radiosender aufzubauen. Blocksize Capital: Zwei junge Frankfurter wollen mittels Blockchain den Finanzmarkt komplett neu aufstellen. Max Siedentopf: unser Cover-Artist im großen Portrait mit Werkschau. Und wie immer vieles, vieles mehr.  Viel Spaß beim Lesen!


Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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