Ein US-Navy-Admiral hat uns erzählt, welche essentiellen Eigenschaften durch Krisen helfen

Welche großen und immer wiederkehrenden Fragen stellten Ihnen die Studierenden?

Die Studierenden, die an eine Uni wie Fletcher kommen, verfolgen in der Regel einen positiven Einfluss auf die Welt. Sie sind nicht des Geldes wegen dorthin gekommen, um mehr Macht zu erlangen oder Künstler*innen zu werden, sondern um die Welt zu gestalten und der Gesellschaft effektiver zu helfen. Typische Fragen wären: Welche Spezialisierung sollte ich studieren, die der Welt am meisten helfen würde? Welches Studium beeinflusst positiv den Klimawandel? Ist das besser, als in die Entwicklungshilfe zu gehen? Wie lässt sich die wirtschaftliche Entwicklung in wirtschaftlich benachteiligten Nationen verbessern? Was genau bedeutet der Begriff „Sicherheit“ bei großen internationalen Organisationen wie der Nato? Wie steht es mit dem internationalen Recht, mit Normen, die im internationalen System durchgesetzt werden können?

Und darauf hatten Sie passende Antworten?

Ich fragte sie dann, was ihr Herz schneller schlagen lässt, wie wir im amerikanischen Englisch sagen. Was sie vorher bereits studiert hatten, wo sie den meisten Einfluss nehmen könnten – am Ende auch Fragen des Charakters.

Sie beschreiben die „Reise des Charakters“ – ist Charakter etwas, das wir mitbekommen?

Jedes Neugeborene ist eine weiße Leinwand, jeder Charakter wird auf diese Leinwand gemalt. Mit 15 oder 16 Jahren nimmt man in der Regel selber den Pinsel in die Hand. Aber es ist ein langer Prozess – zum Glück! Denn das gibt uns die Hoffnung, dass wir uns ändern können. Selbst wenn wir nicht wie erhofft gehandelt haben, wenn wir andere enttäuscht haben, können wir uns selbst ­rehabilitieren. Wir können aus eigenen Erfahrungen und von anderen lernen.

„Segeln gen Nord“: Viel mehr als Seemannsgarn: Führungs- und Lebenslektionen von zehn einflussreichen Admirälen der Weltgeschichte: von Themistokles über Francis Drake bis hin zu Grace Hopper, stets mit Transfer zum Hier und Jetzt.

Die Gewissheit, zwangsläufig zu scheitern, spendet Trost?

Ja. Ich habe in meinem Leben viele Male versagt. Und zwar in Bezug auf den Charakter, in Bezug auf Ergebnisse und messbare Metriken. Aber es geht auch um das Durchhalten, um Belastbarkeit. Dass man sich nicht unterkriegen lässt. Auf einen solchen Charakter kann man sich verlassen wie auf ein prall gefülltes Konto bei der Bank, das sich in harten Zeiten anzapfen lässt.

Sie schreiben, dass Ihnen die Zeit direkt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 alles abverlangt hat. Die derzeitige Corona-Krise wird von vielen als ähnliche Situation bezeichnet. Welche Lehren aus Ihrem Buch lassen sich jetzt anwenden?

Ich stehe im andauernden Austausch mit den politischen Entscheider*innen der USA. Meine Expertise sind Ideen zum Einsatz des Militärs, etwa, unsere beiden großen Lazarettschiffe, die USNS „Mercy“ und USNS „Comfort“, vor New York und Los Angeles einzusetzen. Das Militär kann unseren medizinischen Fachkräften helfen. Unser medizinisches Fachpersonal wird uns durch die Krise steuern, aber das Militär kann es mit Logistik, Organisation und Planung unterstützen.

Mit Bezug auf das Buch: Dies ist ein Beispiel für Innovationsfähigkeit, die einen Teil des menschlichen Charakters ausmacht. Immer wieder sind die Admirale in meinem Buch über sich hinausgewachsen, haben neue Dinge, neue Methoden ausprobiert.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Ja, Admiral Grace Hopper aus dem letzten Kapitel des Buchs. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie mit der Arbeit an dem wirklich ersten Großcomputer betraut. Der wurde von IBM entwickelt, und Hopper erfand dafür damals praktisch das Konzept des Programmierens – dass ein Mensch mit einer Maschine sprechen kann. Das gab es vorher noch nicht. Sie schrieb die erste Programmiersprache, Cobol, die übrigens noch heute verwendet wird. Ihre Arbeit erforderte große Charakterstärke und Innovationsfreude. Soll heißen: Zur Bewältigung dieser Krise benötigen wir alle Lösungsansätze und die allerbesten und klügsten Köpfe unserer Gesellschaft.

Sie schreiben, dass Ihre wichtigste Eigenschaft „Innovationshunger“ sei – war der Ihnen gegeben, oder mussten Sie den lernen?

Ein bisschen von beidem. Ein wichtiger Aspekt bei der Suche nach Innovationsfreude ist, dass man einen sicheren Rückhalt hat. Etwa durch ein stabiles familiäres Umfeld. Und ja, ich glaube, die andere Hälfte lernt man, wenn man andere beobachtet. Dass man Held*innen hat, die sich innovativ verhalten. In meinem Bereich waren es all jene Admirale, die gewillt waren, neue Dinge auszuprobieren. Beobachten, lesen, testen – das ist natürlich auch in der Geschäftswelt wichtig.

Nun, „Segeln gen Nord“ liest sich auch wie ein Ratgeber für die Wirtschaft.

Ich will klarstellen, dass es kein Buch allein über Marinegeschichte, sondern sehr viel breiter angelegt ist. Das kommt vielleicht ganz automatisch, weil wir es in den USA mit großartigen Innovator*innen zu tun haben: Bill Gates, Steve Jobs, Elon Musk, lange davor schon Henry Ford. Es herrscht eine lange Tradition des Andersdenkens und -machens.

In den letzten Jahren hat diese Art von Lebenscoaching eine Renaissance erlebt. So hat Ray Dalio seine „Prinzipien des Erfolgs“ geschrieben, und einer Ihrer Protagonisten, Admiral Bill McRaven, hat mit „Mach dein Bett“ ebenfalls ein Buch vorgelegt. Woran liegt das?

Dafür gibt es einen demografischen Grund: Die nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation, die Boomer, wird jetzt alt. Die Boomer befinden sich in einer Phase, in der sie viel nachdenken können und reflektieren, was alles funktioniert und was nicht funktioniert hat.

Treibt es Sie gerade in diesen Zeiten zurück in die Politik?

Dafür bin ich immer offen. Vor der letzten US-Präsidentschaftswahl wurde ich von Hillary Clinton für das Amt des Vizepräsidenten vorgeschlagen. Nach der Wahl hatte ich ein ausführliches Gespräch mit Präsident Donald Trump über eine Position im Kabinett. Am Ende kam keines von beidem zustande, damit bin ich, offen gesagt, sehr zufrieden. Aber ich bin immer offen für den Dienst für mein Land. Eine wichtige Charaktereigenschaft ist der Wunsch, anderen zu dienen. Ich hoffe, dass ich das zeigen kann, sollte ich irgendwann noch einmal in die Politik zurückkehren.

Freunde und Freundinnen, die neue Ausgabe ist da! Mit einem großen Titel-Dossier zum Thema Sport: in Zeiten, in denen Großveranstaltungen gestrichen werden, entdecken die Hersteller die Herde an Freizeitsportlern – und die werden in Corona-Zeiten immer mehr. Wie wollen Peloton, On Running und Under Armour diese neue Chance nutzen?
Außerdem: Say Say: Ein Anwalt kündigt seinen Job, um einen Hiphop-Radiosender aufzubauen. Blocksize Capital: Zwei junge Frankfurter wollen mittels Blockchain den Finanzmarkt komplett neu aufstellen. Max Siedentopf: unser Cover-Artist im großen Portrait mit Werkschau. Und wie immer vieles, vieles mehr. Viel Spaß beim Lesen!


Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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