„Wenn man etwas schon immer so gemacht hat, dann ist es wahrscheinlich falsch“

Mit „How to Sell Drugs Online (Fast)“ gelang der Kölner Bildundtonfabrik ein überraschender Riesenhit auf Netflix. Wie haben die beiden Showrunner nachgelegt?

Herr Käßbohrer, auch die zweite Staffel von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ führt wieder Start­up-Hülsen wie „Move fast and break things“ ins Feld. Sie sind mit der Bildundtonfabrik selbst Unternehmer. Haben Sie solche Sätze je ernst genommen?

Philipp Käßbohrer: Wenn Sie mir versprechen, dass das keiner erfährt, verrate ich Ihnen ein Geheimnis. Eigentlich ist „HtSDOF“ eine verklausulierte autobiografische Serie über Matthias und mich. Wir kannten uns mit 17 zwar noch nicht, saßen aber beide in unseren Heimatdörfern im Kinderzimmer vor dem Medion-Computer und dachten, dass sich damit doch was Cooleres machen lassen müsste, als „Fifa 98“ zu spielen. Wir haben dann zum Glück nicht das Dark­net entdeckt, sondern das digitale Filmemachen.

Matthias Murmann: Aber wir haben damals ganz viel Filmbearbeitungssoftware illegal runtergeladen.

Käßbohrer: Risikobereitschaft ist ja ein wichtiger Teil von Unternehmergeist, und die war bei uns auf jeden Fall da. Und auch hinter dem realen Fall in Leipzig, der uns als Vorlage für „HtSDOF“ diente, steckte echter Unternehmergeist. Der Richter sagte damals beim Urteilsspruch, dass man eigentlich den Hut vor dem Jungen ziehen müsste, wenn sein Handeln nicht illegal gewesen wäre. Wir können das durchaus nachfühlen.

Murmann: Aber zu der Frage: Wir haben mit der Idee gegründet, etwas anders und neu zu machen, auf einem Markt, der eigentlich gesättigt war. Wir haben ausschließlich mit jungen, motivierten Leuten gestartet und sind jetzt ein Betrieb mit 80 bis 100 Menschen. Natürlich stellen wir uns die Frage, wie man Innovationsgeist und Motivation langfristig erhalten kann. Da schielt man schon mal ins Silicon Valley und schaut sich die dortige Unternehmenskultur an. Und dann benutzt man eben auch manchmal Begriffe wie Teambuilding, Brain-Dumping, Hackathon oder Burn-Rate.

Dann auch gleich eine naheliegende Valley-Frage: Was waren bei der Gründung die Vorbilder? Wer inspiriert Sie?

Käßbohrer: Pixar ist eine interessante Geschichte. Dort wurden Form und Inhalt immer als Einheit begriffen. Eine Geschichte wie „Toy Story“ orientiert sich inhaltlich daran, was zu dem Zeitpunkt technologisch möglich war. Die Leute konnten fachbereichsübergreifend arbeiten und hatten somit Verständnis für die unterschiedlichen Herausforderungen der einzelnen Departments. Das ist ein spannendes Beispiel für ein Studio, das frisch in der Digitalisierung entstanden ist. Auch uns hätte es wohl zehn Jahre früher nicht gegeben, da der Zugriff auf Technologie noch viel exklusiver war. Wir sind damit aufgewachsen, dass man bei Aldi Computer kaufen und damit Filme schneiden kann.

Philipp Käßbohrer & Matthias Murmann: Die Gründer und Geschäftsführer der Bildundtonfabrik sind sonst eher im Show- und Entertainmentbereich zu Hause. Dass sie aber auch Serien beherrschen, zeigt der Erfolg von „How to Sell Drugs Online (Fast)“.(Foto: Joseph Strauch, Bernd Spauke)

Gibt es bei der Bildundtonfabrik auch bestimmte Begriffe, die eine Unternehmenskultur definieren?

Murmann: Inoffiziell ist das Motto: Wenn man etwas schon immer so gemacht hat, dann ist es wahrscheinlich falsch. Es gibt bei uns durchaus die Maßgabe, Dinge grundsätzlich zu hinterfragen, bevor man sie tut. Außerdem sollen alle ihre Ideen vorbringen dürfen. Nicht die lauteste, sondern die beste Idee soll gewinnen.

Käßbohrer: Von der Grundorganisation verstehen wir uns zudem eher als Haufen, es gibt kein Organigramm, das eingehalten werden muss. Wir freuen uns immer, wenn Teammitglieder fachfremde Aufgaben übernehmen und dadurch Dinge lernen oder neu denken.

Kommen wir zurück zur Serie. Auch die zweite Staffel lässt sich als charmanter Crashkurs für Jungunternehmer*innen sehen.

Murmann: Eigentlich handelt die Serie ja vom Erwachsenwerden. Davon, wie man seine eigene Identität finden kann. Und das in einer Zeit, in der man das sowohl offline als auch online machen muss. Aber ja, da sind eigene Erfahrungen als Unternehmer eingeflossen.

Käßbohrer: Moritz ist ein soziopathischer Narzisst, der seinen Dickkopf durchsetzen will. Das ist universell, das kennt wahrscheinlich jeder irgendwie. Als Entrepreneur kennt man das ganz bestimmt.

Hat Ihr Vorab-Scouting herausgefunden, dass der Archetypus Unternehmer*in eine Heldenfigur für die Generation Z ist?

Käßbohrer: Ganz im Gegenteil, er ist vielmehr eine Heldenfigur der Generation Y. Moritz ist da ein bisschen oldschool unterwegs, was ihn zum Außenseiter macht. Mit seinen ständigen Kalendersprüchen hat er ja fast etwas Christian-Lindner-haftes. Er hat es mit einer Generation zu tun, für die Kapitalismus nicht alles ist – das bekommt er von seinen Kumpels Lenny und Dan oder seiner Freundin Lisa immer wieder gezeigt. Die Generation Z denkt da offenbar etwas komplexer.

Wieso taugt dann ausgerechnet so einer als Protagonist für junge Zuschauer*innen?

Käßbohrer: Weil er nicht als Role-Model aufgestellt ist, sondern als neurotischer, liebenswerter Loser. Man findet ihn als Außenseiter grundsätzlich gut und verzeiht ihm eigentlich alles. Aber über seine Steve-Jobs-Erfolgs-Floskeln, mit denen er sich selbst dauernd im Weg steht, lacht man auch sehr gerne.

Philipp Käßbohrer startete mit Kurzfilmen, Musikvideos und Werbe¬clips, bevor er sich Material zuwandte, mit dem er und … (Foto: Joseph Strauch)

Hat die Generation Z Heldenfiguren?

Murmann: Wir haben in der Vorbereitung mit einem Netflix-internen Researchteam gesprochen, das sich mit dieser Generation ausgiebig beschäftigt hat. Insgesamt ist das alles viel kleinteiliger geworden. Für uns Millennials war alles viel strukturierter. Es gab Emos, Punks, Skater*innen, die waren alle einigermaßen leicht abzugrenzen und hatten ihre jeweiligen Held*innen. Durch die große Diversifizierung über Social Media ist man vielleicht vordergründig verschieden, aber man trifft sich trotzdem, weil man dasselbe „Shitty Robots“-Video von Simone Giertz gelikt hat – plötzlich hat man eine Gemeinsamkeit. Es gibt diese Mikrointeressen, die auf Plattformen wie Youtube, Tiktok und Instagram ganz anders abgebildet werden. Für jedes Nerd-Interesse gibt es irgendwo Content mit 20 Millionen Klicks.

Sie stellen junge Zuschauer*innen aber auch vor Fragezeichen – in einer Episode kommt die über 20 Jahre alte Serie „Ally McBeal“.

Käßbohrer: Aber wir wissen auch, dass keiner unserer jüngeren Zuschauer*innen die Serie ohne Smartphone in der Hand schaut. Im Zweifel haben die schneller gegoogelt, als wir uns erinnern können.

Murmann: Wir hoffen, dass die auch immer fleißig die QR-Codes scannen, die in der Serie auftauchen.

„HtSDOF“ ist ein Netflix Original, doch viele Passagen sind randvoll mit Crash­kurs-Wissen, etwa zu Kryptowährungen und internationalem Geldtransfer – eigentlich doch Stoff für die Öffentlich-Rechtlichen. Bildungsauftrag erfüllt?

Käßbohrer: Ich bin nicht sicher, ob beim ÖR diese Themen zum Bildungsauftrag zählen.

Murmann: Wir sind generell davon überzeugt, dass Inhalte immer eine Relevanz haben sollten. Dass das Publikum nicht nur unterhalten wird, sondern auch etwas mitnehmen kann, ist uns ganz wichtig. Da sind wir sicherlich von unserer langjährigen Zusammenarbeit mit den Öffentlich-Rechtlichen geprägt, aber das ist für uns unverhandelbar.

… Matthias Murmann Grimme-Preis-Abos abschlossen. Seit 2012 brillieren sie mit Formaten wie „Roche & Böhmermann“ und „Neo Magazin Royale“ (Foto: Joseph Strauch)

Was waren, von der Wissensvermittlung abgesehen, die Learnings aus der ersten Staffel, wie man eine junge Zuschauerschaft an eine Serie fesselt?

Käßbohrer: In der ersten Staffel haben wir ein bisschen auf Effekt gesetzt, um aus dem ganzen Wust an Serien herauszustechen. Allein der Titel und die originelle Visualität konnten Menschen anlocken. Um das Publikum zu halten, muss man tiefer in die Psychologie der Figuren eintauchen und neue Facetten entblättern. Etwa: Ist Dan wirklich so ein Prolet, oder steckt da doch noch mehr dahinter? Es wird also insgesamt emotionaler.

Murmann: Hinter den Kulissen arbeitet ein Haufen Nerds, deren Anspruch es ist, in jedem Screen-Content Easter Eggs zu verstecken. Oder dass die gezeigten Programmiersprachen aktuell sind. Dass so etwas vom Publikum goutiert wird und es Subreddits gibt, die das diskutieren, ist eine schöne Erkenntnis für uns als Showrunner und für das ganze Team. Generell haben wir aber wieder versucht, das zu machen, was uns gefällt, und nicht nach irgendwelchen Daten aus der ersten Staffel zu arbeiten.


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