Einmal als Meerjungfrau unterwegs sein: Wir haben es ausprobiert

Faszination Meerjungfrau: halb Mensch, halb Fisch – liebreizende Nixe, todbringende Sirene. Das betörende Fabelwesen zieht sich durch die Mythologien beinahe aller Kulturen und ist heute noch präsent in den Medien.

Spätestens seit dem rothaarigen Disney-Upgrade von Hans Christian Andersens kleiner Meerjungfrau und der australischen Teenie-Serie „HO – Plötzlich Meerjungfrau!“ träumen Kinder auf der ganzen Welt davon, eines Tages selbst mit schuppiger Fischflosse durch Ozeane und Meere zu tauchen.

Der Bedarf ist da, die Geschäftsidee lag also nahe. Mermaiding nennt sich die Trendsportart, bei der sich eine Fischflosse über die Beine gezogen und wie eine Nixe durchs Becken geschwommen wird. Doch was steckt wirklich hinter der Fischfrau-Experience?

Kaum hatte ich mir die Frage gestellt, war der Kurs für Donnerstagabend auch schon gebucht. Aus der Vielzahl an Angeboten entschied ich mich für die von Natalie Camacho Hidalgo gegründete Meerjungfrau Apnoe Akademie.

Grundausrüstung: Plexiglasflossen und bunte Spandexschläuche (Foto: Kurt Sauer)

Am Sprungbecken des Berliner Wellenbades angekommen, wird mir ein gelber Spandexschlauch in Schuppenoptik in die Hand gedrückt. Bevor das Training beginnt, soll ich mich zumindest schon optisch in eine Meerjungfrau verwandeln.

In einem Akt des Pressens hieve ich meine komplette untere Körperhälfte in die enge Fischbekleidung und nähere mich hüpfend dem Beckenrand.

Ich bin bedacht darauf, den Spandexschlauch nicht zu zerreißen. Schließlich kostet so ein Fischschwanz knapp 300 Euro. Also setze ich mich auf die Ablaufrinne, wo mir eine aus Plexiglas gefertigte Delfinflosse über die Füße gezogen wird – fertig ist der Nixenschwanz.

Doch wie eine Meerjungfrau fühle ich mich noch nicht, während ich rücklings auf den nassen Badfliesen liege. Eher so: halb Fisch, halb Presswurst.

Unsicher sehe ich erst an mir herab und dann über das 3,8 Meter tiefe Becken. Ich frage mich, ob der Kescher an der Wand wirklich in der Lage ist, mich vom Beckenboden zu kratzen. Trotz Skepsis lasse ich mich mit einer zwei Kilo schweren Flosse, deren Gewicht durch das Wasser noch einmal verdoppelt wird, in das Becken gleiten.

Wie befürchtet ziehen mich meine Füße Richtung Boden. Meine Finger krallen sich in die Rinne. Statt wie gewohnt zu schwimmen, soll ich Arme und Beine zusammenhalten und mich wie ein Aal durchs Wasser schlängeln. Doch was bei meiner Trainerin so einfach aussieht, ist für mich schlicht unmöglich.

Sie sagt: „Der Körper macht die Wellenbewegung von ganz alleine.“ Ich nicke gespielt optimistisch, lasse los und muss feststellen, dass mein Körper offenbar von der Norm abweicht. Statt elegant wie eine Nixe durchs Wasser zu gleiten, rudere ich panisch wie eine Ertrinkende im Schwimmbecken.

Regel Nummer eins: nicht ertrinken. Klappt das, geht es im Aquapark einem Delfin gleich durch Reifen (Foto: Kurt Sauer)

Die Flosse ist durch das Gewicht kaum zu bewegen, zumindest nicht, wenn man ähnlich viele Muskeln wie ich besitzt: nämlich gar keine. Nur mit Mühe kann ich den Kopf noch über Wasser halten.

Obwohl mein wahlloses Gezappel mehr einer Seekuh als einer grazilen Nixe gleicht, muss ich weitermachen. Das Gesicht noch immer zur Hallendecke gerichtet, rudere ich durch das Becken – ich warte auf den Krampf, der mich jede Minute erlösen wird. Doch der kommt nicht.

Stattdessen wird aus dem panischen Gezappel tatsächlich eine Bewegung, die ganz entfernt an eine kleine Welle erinnert. Grazil oder anmutig ist das zwar noch immer nicht, dafür rückt die Angst, umhüllt von einem Fischgurt zu krepieren, in die Ferne.

Auch meine Trainerin scheint jetzt mehr Vertrauen in meine Nixenkünste zu haben: Immerhin darf ich zum krönenden Abschluss wie ein Delfin durch kleine Reifen tauchen.

Nach einer Stunde strande ich bäuchlings am Beckenrand. Ich ziehe den an mir klebenden Fischschwanz und die Flosse von meinen Füßen und freue mich über meine Beine.

Zugegeben: Als Kind träumte auch ich davon, als Nixe gemeinsam mit einem quirligen gelben Fisch und einer geschwätzigen Krabbe durchs Wasser zu jagen. Doch irgendwann hat es sich eben ausgeträumt.

Was ich aus dem Mermaiding-Kurs mitgenommen habe: die Erkenntnis, dass das Umschnallen einer Nixenflosse noch lange keine Meerjungfrau macht.

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Julia Heyroth

Julia ist die Ambivalenz auf zwei Beinen. Sie lebt einerseits mit Dinosauriern und Shakespeare in der Vergangenheit, ihr (seit drei Jahren) fast vollendeter Debüt-Roman spielt jedoch in der Zukunft. Sie wollte mit Lehramt etwas "Sicheres" studieren und ist jetzt blöderweise im Journalismus gelandet. Dort ist sie ganz nebenbei Mate-abhängig geworden und mit ihrer Tastatur verwachsen.

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